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Mi 31 Mär 2010 | 20:00 | ROCK

Tocotronic: Schall & Wahn-Tour

Support: Dillon

GS: € 19/21/23

Um griffige Parolen waren TOCOTRONIC nie verlegen, doch was bleibt einem noch, wenn man bereits die Kapitulation verkündet hat? Selbstauslöschung? Selbstbefriedigung? Die beiden Optionen bleiben in der tocotronischen Lesart des Lebens immer aufrecht. Was aber gar nicht geht: zur Besinnung kommen, sich dem Gesetz der Verwertbarkeit ergeben, dem Wahnsinn der Gesellschaft folgen.

"Macht es nicht selbst" ist demzufolge der mit maximaler Dringlichkeit in die Schlacht geworfene erste neue Verweigerungsaufruf des neuen Toco-Albums "Schall & Wahn", mit dem die "Berlin-Trilogie", die mit "Pure Vernunft darf niemals siegen" eingeleitet und mit "Kapitulation" fortgesetzt wurde, ihren Abschluss findet und das gleichzeitig einen entfesselten Aufbruch in ein neues Jahrzehnt markiert. TOCOTRONIC streichen also nicht die Segel, wie mancherorts befürchtet, sondern nehmen weiter Kurs auf Konfrontation mit einer wahrhaft infernalischen Welt, die von Liebe und Verbrechen, von wohlbekannten Lastern wie Neid, Feigheit und Gier beherrscht wird. Auch Kollege Distelmeyer wusste ja nach Auflösung von BLUMFELD nicht wohin mit dem Hass, warum sollten also gerade die anderen ehemaligen Musterknaben der Hamburger Schule und ihre "Boygroup der Andersfühlenden" (Spex) der Triebfeder ihres Tuns verlustig gehen? Und so rennen TOCOTRONIC weiterhin in fieberhaftem Wahn gegen Post-Grunge-Schallmauern an und schlagen sich Köpfe wie Fingerkuppen blutig. Die Ironie dabei: Die Band schafft es erstmals an die Spitze der deutschen Album-Charts.
Dass die Rumpel-Rock-Variante von TOCOTRONIC live gelegentlich etwas hölzern geriet, mag angesichts der nun ausgerufenen neuen Geschlossenheit der Vergangenheit angehören. Und wenn nicht, dann bleibt immer noch die dunkle Pop-Poesie der Marke "Gegen den Strich" oder aktuell "Die Folter endet nie", die den mittlerweile auf die 40 zusteuernden Freigeistern nach Meinung vieler ohnehin zuletzt besser zu Gesicht stand. Willkommen zurück!

BESETZUNG: Dirk Von Lotzow: Gesang, Gitarre, Rick McPhail: Gitarre, Jan Müller: Bass, Arne Zank: Schlagzeug
AKTUELLE CD: "Schall & Wahn" (2010), Vertigo

Dillon | Wo andere wenig mit auf den Weg bekommen, weiß diese 21-Jährige nicht wohin mit den Geschenken: Sie sieht blendend aus, hat das Talent mit der großen Kelle geschöpft und trägt einen Namen, bei dem selbst walisische Herzoginnen grün anlaufen vor Neid. Das, was Dominique Dillon de Byington - die sich unprätentiös "Dillon" nennt - völlig autark aus ihrem Laptop geschüttelt hat und auf dem Klavier zum Besten gibt, ist ernsthaft beeindruckend: Gesetzlose Konstrukte zwischen Ghettotech, Old School HipHop und Singer/Songwritertum; lyrisch Grat wandernd zwischen charmant und explizit. Kurz: Souverän, zwingend überzeugend und extraordinär an allen Ecken und Enden.




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