
...aus dem Dezember-Newsletter der Konzertagentur Seliger, Berlin (http://www.bseliger.de/):
Zufällig am gleichen Tag landeten diese Mails im Posteingang: "Leider hat die Haushaltskrise dazu geführt, dass auch das Musiksommer-Budget um ein Drittel gekürzt wurde. Daher muss ich Dir den Künstler X im Sommer 2010 absagen", so das Kulturamt einer süddeutschen Kreisstadt. Oder aus einer Stadt in Nordrhein-Westfalen: "Die Stadt B. hat kurzfristig den Zuschuss für das Kulturzentrum Y für das laufende Jahr um € 35.000 gekürzt. Das Kulturzentrum Y hat daher für die Monate 11 & 12/2009 Kurzarbeit angemeldet." Und fast täglich gibt es entsprechende Hiobsbotschaften, die in der Summe etwas ergeben, das der deutsche Kulturrat einen "Tsunami" an Einsparungen im Kulturbereich nennt. Dabei ist die Lage im unabhängigen Kultursektor schon seit geraumer Zeit desaströs - wichtige Radiosendungen, ja sogar wie in Berlin ganze Sender werden eingestellt oder abgewickelt. Wenn Radioanstalten Künstler engagieren, werden in aller Regel heutzutage Almosen als Honorare ausgezahlt, die im Grunde einen Skandal darstellen in einem Land, in dem gigantische GEZ-Gebühren einkassiert werden dafür, dass die Öffentlich-Rechtlichen den Privaten Konkurrenz im Wettbewerb der Volksverdummung machen. Und die subventionierten Kulturträger, seien es Kulturämter, seien es kommunale Eigenbetriebe, leisten schon längst nur noch zu einem geringen Teil kulturell wertvolle Arbeit im Bereich der Zeitkultur - dafür werden Popbands von Kulturämtern eingekauft, die sich auch so auf dem Markt behaupten könnten, von Pur bis Jan Delay - während alles, was irgendwie "riskant" erscheint, längst durchs Rost der meisten subventionierten Kulturbetriebe fällt. Und die Theater und Kulturzentren, die neuerdings etwa in Berlin, Hamburg, Leipzig oder Frankfurt auch Popmusik anbieten, verpflichten ihre Musikkuratoren, gewinnorientiert zu arbeiten oder doch zumindest eine "schwarze Null" zu schreiben. Zeitkultur soll nicht nur nett sein, sondern auch nichts kosten.
Die Kulturetats der Städte schrumpfen in gigantischem Ausmaß. Minus 20% hier, minus 10% dort. Natürlich betrifft dieser Sparwahn weniger die Repräsentationskultur - immer aber trifft der Sparwahn die alternative Kultur, die kleinen Initiativen im Theater-, Kunst- oder Musikbereich, wo ohnedies längst nur noch Minilöhne gezahlt werden. Klar, die Kommunen haben kein Geld - die Bankenkrise, die Hunderten von Milliarden, die den Banken in den Rachen gestopft wurden, damit diese jetzt bereits wieder im Hedgefonds-Profitwahn delirieren, all das ist längst zu den Kommunen durchgedrungen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Haushalte finanziert bekommen sollen. Und nun die Wahlgeschenke, die die CDU/CSU/FDP-Regierung ihren Lobbyisten gemacht hat, und die zu weiteren gewaltigen Einnahmeausfällen der Kommunen führen - und an der Kultur spart es sich hierzulande nun einmal am leichtesten. Für die Banken ist Geld da, für Kultur, für Bildung nicht. So einfach ist die Rechnung. Zynisch könnte man natürlich sagen, dass denen, die für die Haushaltskürzungen und Streichungen im Kulturbereich verantwortlich sind, die dadurch erfolgende Begradigung der Kultur durchaus politisch "recht" sein dürfte...
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Viel positive Resonanz erhielten wir auf unseren Aufruf, das Fotografieren per Mobiltelefon auf Konzerten doch seinzulassen. Der FAZ-Journalist Eric Pfeil hat bereits im Mai des Jahres in seinem ohnedies sehr lesenswerten Blog "Das Pop-Tagebuch" zu dem Thema geschrieben:
"Nicht nur, dass die ganze Konzertzeit mit Filmerei und Knipserei verbracht wird - jedes Bild wird auch sogleich ausgiebig begutachtet und herumgezeigt, während vorne munter weiter musiziert wird. Auch beliebt ist es, den Partner so vor der im Hintergrund umherspringenden Band abzulichten, als handele es sich bei dieser um einen dekorativen Wasserfall, eine Baulichkeit, einen bronzefarbenen Stillsteh-Artisten in der Fußgängerzone oder einen lustig geformten Gesteinsklumpen. Selbst aus dem munter durch die Gegend fliegenden Pogo-Mob recken sich noch filmende Arme empor, aber irgendein Depp wird sich das verwackelte Zeug schon anderntags auf youtube anschauen. Mich wundert das: Wie wenig kann man bitte im Moment sein wollen?"