
WALTER WIPPERSBERG
unter irren und verbrechern
Die österreichischen Banken sind „gut aufgestellt“. Und sicher. Doch bietet ihnen der Staat jetzt Geld an. Sie brauchen es ja gar nicht, aber sie nehmen es halt. Die Erste Bank läßt sich 2,7 Milliarden Euro überweisen. So viel hat der Staat aber gar nicht übrig, er muß sich das Geld selbst irgendwo ausleihen. Die Erste muß das Geld - wenn nix dazwischen kommt - irgendwann einmal zurückzahlen. Da fragt man sich, warum die Erste, statt den Staat zu bemühen, nicht einfach selber einen Kredit aufnimmt. Ja, wenn das so einfach wäre! Die Banken geben sich gegenseitig keine Kredite mehr. Sie mißtrauen eine der anderen zutiefst. Zu recht vermutlich, sie wissen ja, wie in den Banken gewirtschaftet wird.
Herr Treichl, der Boß der Erste Bank, kriegt übrigens im Jahr ein Grundgehalt von 1,2 Millionen Euro. Da kommt aber meist noch ein bissel was dazu: Erfolgsprämien, Sonderzahlungen. Im Jahr 2004 hat er satte 4,55 Millionen Euro bekommen. Solche Beträge rechne ich immer noch gerne um: gute 62 Millionen Schilling.
Unter Treichls Führung hat die Erste Bank 300 Millionen Euro in Island „versenkt“, lese ich und frage mich natürlich: Wer hat dieses Geld jetzt? Die Isländer nicht, weil sie sind pleite, die Banken wie der Staat. Auf wessen Konto liegen also die 300 Millionen (in Schilling: ein bissel was über 4 Milliarden)?
Wo sind überhaupt die tausenden Milliarden, die jetzt in der großen Finanzkrise „vernichtet“ wurden, hingekommen? So dürfe man nicht fragen, höre ich. Das Aktien-Geld und erst recht jenes der „Finanzprodukte“ sei etwas ganz anderes als das, das wir im Geldtaschl haben, virtueller sozusagen. Finanzwirtschaft und Realwirtschaft seien zwei ganz verschiedene Paar Schuhe. Darf ich daraus schließen, daß z.B. Geld der Erste Bank, das auf Island „versenkt“ wurden, eh nie wirklich existiert haben? So könne man es, höre ich, auch nicht sagen. Das freilich stimme schon: Die Banken schreiben - steuermindernd - die Verluste ab und holen sich auf diese Art das Geld zum Teil vom Staat zurück.
Privatmenschen, die sich - wie die Banken selbst und oft von den Banken - unglaublich ertragreiche „Finanzprodukte“ haben aufschwatzen lassen, die erleiden nun in der großen Krise natürlich schon bittere Verluste in realem Geld.
Naiv wie ich war, hab ich immer geglaubt, bei den Banken ginge das so: Sie verwalten unsere Spareinlagen und verleihen Teile dieses Geldes an Kreditnehmer. Weil die Kreditzinsen höher sind als die Sparzinsen, verdienen die Banken dabei. Doch weit gefehlt: die Banken borgen sich das Geld, das sie als Kredit vergeben, selbst aus - bei einer anderen Bank. Das geht irgendwie immer so im Kreis herum. (In Ungarn zur Zeit des Gulaschkommunismus hat man gern gesagt, es gäbe in ganz Ungarn insgesamt nur tausend Forint, man merke das aber nicht, weil diese tausend Forint alle zehn Minuten jemand anderer habe.) Wo bitte ist das eigene Geld der Banken? Alles kann ja nicht in Island, in der Karibik oder auf amerikanischen Immobilienmärkten versenkt worden sein. Gerade die österreichischen Banken haben in den letzten Jahren in Osteuropa angeblich wunderbar verdient. Wo aber ist das verdiente Geld geblieben, wenn man jetzt Geld vom Staat braucht, damit man Kredite vergeben kann? Fragen über Fragen.
Zum Glück gibt es aber noch Leute, die wirklich Geld haben. Die russischen Oligarchen zum Beispiel. Oleg Deripaska etwa, der bei Magna und bei der Strabag eingestiegen ist. „Ein Partner, auf den einfach Verlaß ist“, hat Magna-Chef Siegfried Wolf gesagt. Deripaska hat freilich die Magna- und Strabag-Anteile auch nicht mit eigenem Geld, sondern auf Kredit gekauft. Naja, wer so reich ist, der ist für Kredite in fast jeder Höhe gut. Allerdings hat Herr Deripaska seine Kredite nicht mit seinem Vermögen besichert, sondern nur mit den Aktien, die er grad gekauft hat. Aktien aber können - das ist nun einmal ihre Natur - sehr rasch an Wert verlieren. Und das ist mit der Deripaska-Aktien grad geschehen, und da haben die Banken nun schon wieder ein Problem.
Einer der Unterschiede zwischen der Real- und der Finanzwirtschaft: Hat eine junge Familie 20.000 Euro Schulden bei einer Bank und kann sie nicht zurückzahlen, dann hat sie ein Problem. Hat aber ein Herr Deripaska einen Milliardenkredit mit Aktien besichert, die nicht mehr viel wert sind, dann hat die Bank ein Problem.
Die letzten zwei Jahrzehnte waren die hohe Zeit der „Finanzgenies“. Eines davon durften wir anläßlich des BAWAG-Prozesses näher kennenlernen: Herr Wolfgang Flöttl hat mit BAWAG-Geld einfach darauf gewettet, daß der japanische Yen steigt oder fällt. Das ist ungefähr so genial wie beim Roulette auf Rot oder Schwarz zu setzen. Aber Flöttl war, wie wir jetzt wissen, nur ein kleines Licht, drum sind auch die Summen, die er vernichtet hat, fast schon läppisch im Vergleich zu dem, was andere, noch genialere Finanzjongleure geschafft haben. Sie haben „Finanzprodukte“ erfunden, die hohe zweistellige Renditen versprachen, sie haben herausgefunden, daß man - „Leerkäufe“ nennt man das - sogar mit Aktien spekulieren kann, die man gar nicht besitzt. Angeblich wußten alle, daß das auf Dauer nicht funktionieren kann, aber eine Weile hat es funktioniert, erstaunlich lange sogar.
Da waren - wie soll man es anders nennen? - Irre und Verbrecher am Werk. Warum hat man sie so lange werken und gewähren lassen? Zwei Gründe dafür fallen mir ein: Zum einen galt - unverrückbarer als jedes katholische Dogma - die Glaubenssatz: Der Markt reguliert sich selbst. Zum anderen haben sich die „Finanzgenies“ natürlich Einfluß auf die Politik verschafft. Deshalb müssen sie ja auch, wenn ihre Idiotie allzu unübersehbar wird, nichts Schlimmeres fürchten, als mit einer Millionen-Abfertigung in die Pension oder sonstwohin geschickt zu werden.
Aber - alles wird am Ende noch gut - jetzt wollen die Staaten ja endlich regulierend eingreifen. Alle Staaten? Naja, fast alle.
Walter Wippersberg, geb. 1945, ist Schriftsteller, Regisseur, Filmemacher und ordentlicher Universitätsprofessor an der Filmakademie Wien. Zuletzt erschienen die Bücher „Einiges über den lieben Gott. Wie er erfunden wurde - und wohin das geführt hat“ und „Eine Rückkehr wider willen. Zwei Berichte über mich.“









