Mo 01 Feb 2010

WALTER WIPPERSBERG

Audimaxismus

 

Selten war eine studentische Protestbewegung von so viel Sympathie begleitet wie jene, für die das besetzte Audimax der Universität Wien zum Symbol geworden ist.
Die Initialzündung hat kaum jemand richtig zur Kenntnis genommen: Studenten der Akademie der Bildenden Künste hatten gegen die Einführung des Bologna-Systems protestiert, na gut, Kunst-Uni-Studenten sind bekanntlich sowieso Spinner, und wer außerhalb der Unis weiß oder will schon genau wissen, was das Bologna-System ist... Aber dann war am 22. Oktober 2009 auf einmal das Auditorium Maximum der Haupt-Universität besetzt - und sollte zwei Monate lang besetzt bleiben. Fast aus dem Nichts heraus war eine nicht zu übersehende Protestbewegung entstanden. Handy, SMS, E-Mail, Facebook, Twitter etc. machen‘s möglich.
Da waren viele sehr überrascht, über der politischen Kaste Österreichs schwebte unausgesprochen die Frage Kaiser Ferdinands anlässlich des Ausbruchs der März-Revolution 1848 „Ja, dürfen s‘ denn des?“ Am überraschtesten schienen die Funktionäre der Österreichischen Hochschülerschaft. Denen die Vertretung der studentischen Interessen anvertraut ist, die hatten offenbar keine Ahnung davon, was Studierende in Österreich wirklich denken und wie es ihnen geht. (Daß kein ÖH-Funktionär an Rücktritt gedacht hat, zeigt, wie prädestiniert sie für das sind, was viele von ihnen ganz bestimmt werden wollen: österreichische Politiker.)
Manche der politischen Forderungen der „Audimaxisten“ mögen ein wenig naiv geklungen haben, die weitaus meisten waren wohlberechtigt. Die österreichischen Universitäten brauchen in der Tat mehr Geld - und zwar viel viel mehr. (Das, was österreichische Banken dem Staat nicht zurückzahlen werden, würde allerdings fürs erste schon reichen). Das Problem, daß deutsche Numerus-clausus-Flüchtlinge (und nicht nur sie) bestimmte Studienrichtungen in Österreich überlaufen, muß gelöst werden...
Und die Studienpläne, nun ausgerichtet nach den Bologna-Kriterien, die unsere „Bildungspolitiker“ so eilfertig übernommen haben, müssen überdacht und modifiziert werden. Man hat versucht uns einzureden (und die ÖH-Vertreter haben das geglaubt), die Studienstrukturen in Europa müßten standardisiert werden, auf daß junge Europäer locker von einer zur anderen Universität wechseln können (als hätte vorher nie jemand im Ausland studiert). Mit der nunmehrigen Einheitsstruktur (erst Bachelor-, dann Master-, dann vielleicht noch Doktoratsstudium) haben sich jene durchgesetzt, die es für Fortschritt halten, alles über einen Leisten zu schlagen, die nicht verstehen, daß das Gegenteil von vielfältig nicht einfältig sein darf. Manche haben vor diesem Prozeß gewarnt, noch ehe er in Gang gesetzt war (ich gehöre, ich kann es beweisen, dazu), viele waren es nicht. Nun, da die Studienpläne entsprechend umgemodelt sind, zeigt sich: Den Studierenden sind in der Auswahl dessen, was sie konkret studieren wollen, so enge Grenzen gesetzt, daß man kaum noch von universitärer Bildung reden kann, nur noch von Ausbildung (und dafür sollten eigentlich ja die Fachhochschulen
zu­ständig sein).
Dagegen u.a. haben die „Audimaxisten“ protestiert. Ihre Nachahmer in Deutschland haben übrigens schon ein Nachdenken über den Bologna-Prozeß erreicht. In Österreich muß man da vermutlich warten, bis jener unbeschreiblich phlegmatische Herr Hahn seinen Job als Wissenschaftsminister abgibt und nach Brüssel entschwindet; bisher hat er ja eigentlich nur erkennen lassen, wie wurscht ihm das alles ist, aber schon sowas von wurscht.
Doch nein, ganz stimmt das nicht! Er hat ja eh reden wollen - mit ÖH-Funktionären natürlich, von Alt-Politiker zu Jung-Politikern, wie er‘s halt gewohnt ist. Als sogar er bemerkt hat, daß die diesmal gar nichts zu reden hatten, hat er sich halt mit ein paar Audimax-Besetzern getroffen und - „wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ ich einen Arbeitskreis“ - irgendein Diskussionsforum eingerichtet oder wenigstens versprochen. Und - man staune! - er hat sich sogar bewegt, jaja, richtig bewegt: Er hat in seinen Schubladeln gesucht und tatsächlich 34 Millionen gefunden, die hat er den Unis als Brosamen hingeworfen.
Im Wesentlichen blieben die Forderungen der „Audimaxisten“ unerfüllt. (Manch eine wichtige Forderung wurde gar nicht sehr nachdrücklich erhoben, etwa jene nach einer Re-Demokratisierung der Universitäten. Was daran liegen könnte, daß die Studierenden von heute gar nicht mehr wissen, daß es, bevor seinerzeit die blau-schwarze Regierung ins Amt kam, an den Unis eine funktionierende studentische Mitbestimmung gab.) Ist die Protestbewegung also gescheitert? Nicht unbedingt. Vieles hat ja, legt man die Meßlatte bezifferbarer Erfolge an, gar nicht funktionieren können. Und daß, wie hämisch berichtet wurde, am Ende mehr Obdachlose als Studenten im Audimax waren, na gut. Die ganze Aktion hätte ein effektvolleres Ende nehmen können, ganz klar. Man kommt, wie sich gezeigt hat, relativ leicht hinein ins Audimax, aber wie kommt man wieder heraus? Auf diese Frage hat man, das ist nicht zu leugnen, keine Antwort gefunden. (Aber daß es günstig gewesen wäre, hätte man beizeiten über eine Exit-Strategie nachgedacht, das haben schon ganz andere bitter erfahren müssen, die Amerikaner etwa mit ihren Kriegen in Afghanistan und im Irak.)
Was bleibt, das ist ein ganz neues, phantasievolles Modell, wie sich mündige Bürger - die Apparatschiks links oder rechts liegend lassend - für ihre ureigenen Interessen stark machen können. Das Modell ist, daran glaube ich fest, ausbaufähig und kommt, das hoffe ich sehr, auch auf manch anderem politischen Feld noch zum Einsatz.

Walter Wippersberg,  geb. 1945 in Steyr. Lebt als Schriftsteller, Regisseur und Filmemacher in Losenstein, Oberösterreich, und in Wien. Ordentlicher Universitätsprofessor an der Wiener Filmakademie (seit 1990 Klassenleiter „Buch und Dramaturgie“). Veröffentlichungen: Theaterstücke, Hörspiele, Romane, Kinderbücher, Essays, TV-Dokumentationen, Spielfilm-Drehbücher, Filme (u.a. „Das Fest des Huhnes“). Zahlreiche Übersetzungen, zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt erschienen im Otto Müller Verlag Salzburg die Bücher: „Einiges über den lieben Gott. Wie er erfunden wurde - und wohin das geführt hat“ (2006). „Eine Rückkehr wider Willen. Zwei Berichte über mich“ (2008).




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