Fr 01 Feb 2008

WALTER KOHL

irgendeiner muss sich ja schämen!

 

Ein seltsames Gefühl hat sich meiner bemächtigt, als ich gefragt wurde, einen Beitrag für die Posthof-Zeitung zu verfassen. Weil der Posthof für eine kurze Phase meines Seins hienieden eine besondere Bedeutung hatte. Er stand für einen Blick nach außen, stand dafür, die öde Enge einfach beiseite zu lassen und sich etwas zuzuwenden, das weiter und offener ist. Man hat was kennen lernen können, das man noch nicht gekannt hat. Wer neugierig war, und das waren damals viele, fand ein Angebot. Die Einrichtung Posthof war rückblickend betrachtet eine der letzten Ding gewordenen Auswirkungen einer aufregenden und spannenden Zeit. Heute ist aus meiner Generation kaum noch jemand neugierig, habe ich manchmal das Gefühl.

Wie sonst wäre ein dermaßen gigantisches Interesse an sagen wir einmal einem Reunion-Konzert einer Band wie Led Zeppelin zu erklären, die schon am Höhepunkt ihres Schaffens nicht unbedingt wegen ihrer Innovationskraft zu rühmen war. Offensichtlich wollen die Leute um jeden Preis (wirklich um jeden Preis!) nur noch das sehen und hören, was sie eh schon kennen. Was vertraut ist. Was nicht fremd ist.

Nicht neugierig sein, nichts wissen wollen, was man nicht eh schon weiß, nichts Unvertrautes an sich heran lassen - das ist die vorherrschende Haltung am Beginn dieses Jahrtausends. Ich behaupte, dass so eine Haltung den Menschen nicht system-immanent ist. Sie wird produziert von jenen, die davon profitieren. Und damit sind wir schon bei jener Entwicklung, die mir jedes Mal die Galle hoch kommen lässt, wenn es Nachrichten im ORF gibt. Ich rede vom Umbau Österreichs zu einer kleinkarierten Gendarmen-Republik, exekutiert von den Platters und Gusenbauers und Schüssels, und wie sie noch alle heißen mögen.

Die uns Regierenden haben ein hochgradiges Interesse daran, dass wir, die Regierten, nicht neugierig sind, nicht nachfragen, gar nicht wissen wollen, was so alles geschieht auf jenen Ebenen, für die sich die Medien nicht interessieren. Sonst würden wir nämlich sehen, wie viel sich schon verändert hat, wie weit wir uns schon hin bewegt haben in Richtung Obrigkeitsstaat Metternich‘scher Prägung, wo das Innehaben eines Amtes dem Inhaber die Macht gibt, mit wachsender Willkür über Existenzen von Untertanen zu entscheiden.

Ein paar Beispiele gefällig? Ich wähle eines aus meinem privaten Umfeld. Meine in Wien lebende Tochter ist seit bald drei Jahren verheiratet mit einem Nicht-EU-Bürger. Kürzlich wollte sie ihren abgelaufenen Reisepass verlängern lassen. Bei der zuständigen Magistratsabteilung verlangte eine Beamtin, dass meine Tochter zu diesem Behufe erst ihre österreichische Staatsbürgerschaft erneut beglaubigen lassen müsse, mit der Begründung: Es könnte ja sein, dass sie selber auch Ausländerin geworden sei, nachdem sie mit einem Ausländer verheiratet ist. Meine Nachfragen ergaben, dass die Beamtin im Recht ist: Sie kann nach den von der aktuellen Regierung erlassenen Gesetzen so was verlangen, und zwar nach ihrem eigenen Ermessen. Übrigens: In Linz, wo meine Tochter an einem Zweitwohnsitz gemeldet ist, hat sie eine Woche später ohne jede Schikane einen neuen Pass bekommen.

Mein Schwiegersohn hat es, jetzt einmal vorsichtig formuliert, ohnehin nicht leicht in Österreich. Man will ihn hinausschmeißen. Weil er einen gravierenden Fehler hat: Er ist weder Sportler noch Künstler. Und er ist nicht reich. Wäre er eine russische Opernsängerin, dann erhielte er die österreichische Staatsbürgerschaft innerhalb eines Tages, wenn seine Manager mit den Fingern schnippten, und er müsste weder deutsch können noch seinen Lebensmittelpunkt in Österreich haben, ja, nicht einmal seinen Wohnsitz. Wäre er Spitzensportler, bekäme er den österreichischen Pass im Handumdrehen, und er müsste nur halb so viel Steuern zahlen wie die meisten der anderen, „echten“ Österreicher. Wäre er ein russischer Oligarch, würde man ihm die letzten freien Ufergrundstücke an unseren schönen Alpenseen nachschmeißen. Wäre er eine chinesische Wirtschaftsdelegation, dann würden die schmallippigen Herren alle vor ihm auf dem Bauch liegen, deren Lippen sich im Falle nicht-vermögender Ausländer zu noch schmäleren Schlitzen zusammen ziehen.

Noch ein Beispiel. Ich kenne eine Italienerin aus Südtirol, die seit zwei Jahren mit einem Ehemann aus einem Nicht-EU-Land in Wien lebt. Dieser Mann ist vom österreichischen Fremdenrecht nicht betroffen, er kann legal hier leben und arbeiten. Die Republik Österreich hat EU-Recht zu exekutieren, und dieses gewährt jedem EU-Ausländer Aufenthalt innerhalb der EU, wenn er mit einem EU-Bürger verheiratet ist. Der Mann meiner Tochter, ebenfalls in Wien lebend, ebenfalls seit Jahren mit einer EU-Bürgerin verheiratet, wird dagegen im kommenden Frühjahr abgeschoben werden. Seriöse Anwälte haben ihr den Rat gegeben, sich mit ihrem Mann für ein paar Monate in Deutschland oder Italien eine Meldeadresse zu besorgen. Dann bekäme ihr Mann nämlich dort einen EU-Aufenthaltstitel, und den müssten ihm die gestrengen Beamten Platters in Wien dann auf ein österreichisches Niederlassungsrecht umschreiben.

Ich gebe es zu, ich selbst habe in manchen Bereichen auch aufgehört, neugierig zu sein. Ich bin absolut nicht neugierig auf die Leute, die eine derart absurde, kafkaeske und im tiefsten Kern menschenverachtende und rassistische Politik machen. Ich will mit ihnen nichts zu tun haben. Manchmal, wenn ich sie im Fernsehen sehe, dann schäme ich mich für sie. Irgendeiner muss sich schließlich schämen. Sie selber, die vor Frömmigkeit strotzend in der ersten Reihe vor dem Papst saßen anlässlich dessen Wien-Besuchs, und die sich von ihren PR-Coaches auf „soziale Wärme“ trimmen lassen, wenn es der Anlass erfordert, schämen sich offensichtlich für nichts. Nicht einmal für den Applaus, den sie für ihre Politik bekommen von den Paintball-Buben und den Care-Pakete in die Ex-DDRs schmeißenden Schmissträgern, und von den Wirtshausraufern und den jugendliche Komatrinker begrapschenden gealterten Rechtspopulisten. Das war jetzt aber eine ausgiebige Abschweifung. Was ich eigentlich sagen will: Ich freue mich, für das Posthof-Magazin was zu schreiben. Weil ich den Eindruck habe, dass man an diesem Veranstaltungsort nach wie vor Dinge kennen lernen kann, die man noch nicht kennt. Wenn ich das monatliche Programm bekomme, bemerke ich, dass ich immer mehr davon nicht kenne. Und das hält mich neugierig. Allein schon wegen der nagenden Angst, dass ich allmählich zu alt werde für „Zeitkultur“. Falls es die überhaupt noch gibt. Aber das wäre eine andere Geschichte...

Walter Kohl, geboren 1953 in Linz, ehemaliger Autovermietungsangestellter und Journalist, seit 1996 freier Schriftsteller. Mitglied der GAV. Lebt in Eidenberg bei Linz. Kohl schrieb mehrere Bücher (zuletzt: „Nacht die nicht enden will“, Leykam, Graz 2007; „Die Poldi“, Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 2006; „Auch du hast eine Mutter“, Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 2005). Weiters schreibt er Theaterstücke, in den vergangenen Jahren wurden aufgeführt: „Der große Rosengarten Schwindel“ (UA Jänner 2005 Theater Phönix, Linz), „Der Schwärzer und seine Braut“ (UA Februar 2005 in Kollerschlag), Theaterstück „Talfahrt“ (UA am 1.Dezember 2006 im Kulturhaus Remise Bludenz). Seine Arbeiten wurde unter anderem mit einem Max-von-der-Grün-Preis 1992, dem Dramatikerpreis des Landes Oberösterreich 1995, einem Mira-Lobe-Stipendium 2003 und dem Hörspielpreis des „Leipziger Hörspielsommers” 2004 gewürdigt.




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