
WALTER KOHL
Zukunft findet statt
Diesen Sommer habe ich die ganze Zeit Bohumil Hrabals Romane aus den frühen Siebzigerjahren gelesen, als Kontrastprogramm zu berufsbedingter Lektüre zeitgeschichtlicher Fachliteratur. Ich weiß nicht, warum mich Hrabal fasziniert. Wahrscheinlich ist es die Weltwahrnehmung seiner unaufhörlich sprechenden, stammelnden, wirren Babler-Figuren, die dem sich beschleunigenden Taumel rundherum immer weniger entgegen zu setzen haben; das sieht aus wie eine Diagnose des Hier und Jetzt, dessen man sich auch nur erwehren kann, indem man sucht, die zersplitternden Partikel kommentarlos zu sammeln und Schicht um Schicht anzuhäufen, in der Hoffnung, irgendwie ergäbe sich irgendwann einmal irgendeine Bedeutung.
Mein Lieblingsheld bei Hrabal ist der mit Besessenheit Bücher aus Altpapier sammelnde arme Herr Hănta aus "Allzu laute Einsamkeit". Weil er die vor der Altpapierpresse geretteten Bücher heim trägt in der lustvollen Hoffnung, aus ihnen etwas zu erfahren, dass er noch nicht gewusst hat über die Welt und das Leben und sich selbst. Weil er Kultur konsumiert in der "törichten Hoffnung, einmal darin etwas zu finden, das uns qualitativ verändert hätte". Armer Herr Hănta. Und kluger Herr Hrabal. Wie leidenschaftslos er sich dessen bewusst ist, wie töricht diese Hoffnung ist.
Im heimatlichen Oberösterreich traten und treten heuer Kunst und Kultur ja im Mega-Pack auf. Doch leider, leider, der Frust wächst: Immer seltener ist trotz des Überangebots etwas zu erfahren, das man davor noch nicht gewusst hätte. Und das, fürchte ich, liegt in meinem Falle nicht etwa daran, dass ich mit zunehmendem Alter naturgemäß immer mehr wüsste. Es liegt daran, dass es das mit dem Erfahren halt nicht mehr spielt. Die Inhalte, die Hrabals Hănta aus dem Altpapier fischt mit heißem Bemühen, haben ein down-grading hinter sich, in Kultur und Medien sind sie zu content geworden, bestenfalls. Im Regelfall kommen sie nicht mehr vor.
Was war denn schon groß in diesem Sommer zu erfahren in Sachen Kunst und Kultur? Dass Daniel Kehlmann das Regietheater nicht mag, dass Thomas Bernhard Preise nicht mochte (die damit verbundenen Geldzuwendungen aber schon), dass die Groß-Feuilletonisten der Qualitätsmedien, was immer das sein mag, nach wie vor zuverlässig in hellste Aufregung geraten, wie eine Schar Hühner beim Auftauchen eines neuen Hahns am Hof, wenn es am Wiener Burgtheater einen Führungswechsel gibt oder wenn eine Umbesetzung der Nebenrolle der Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen ansteht. Und dass der öffentlich-rechtliche ORF anlässlich der Faust I und II-Premiere zu Wien willens und imstande ist, das Hauptwerk der deutschen Klassik stundenlang auf dem Niveau von Privat-TV-Talkshows, Seitenblicke-Getändel und Anbieten von g'schmackigen Kulturhäppchen abzuhandeln. Man kann sich richtig vorstellen, wie die Redaktionskonferenz zur conclusio gekommen ist: "Das Ding einfach mitschneiden und senden wär' zu fad, das muss irgendwie flotter gehen..."
Und erst die Erfahrungsgewinn-Defizite in nicht-kulturellen Bereichen! Krise ist, und nirgends kann einem jemand erklären, wieso und warum. "Crisis? What crisis?", möchte man fragen wie die hilflosen französischen Politiker in Fred Zinnemans Film "Der Schakal" (oder wie die frühen Supertramp auf einem ihrer Plattencover). Niemand von all den gescheiten Wirtschaftsexperten und Wirtschaftsjournalisten kann mir erklären, was da passiert ist, und wer da profitiert hat. Ich neige manchmal zu der von Verschwörungsparanoikern hohen Grades inspirierten Annahme, dass es "die Krise" gar nicht gibt, zumindest nicht so, wie sie kommuniziert wird. Der Kern dieser Verschwörungstheorie: Die paar tausend oder meinetwegen hunderttausend Typen, die den komplett deregulierten Finanzkapitalismus der aktuellen Spielart erfunden haben und ihn (für sich selbst) erfolgreich praktizieren, haben gemerkt, dass ihre Pyramidenspiele an jene Grenze kommen, wo sich niemand mehr findet, der mit frischem Geld einsteigt. Darum haben sie mit ihrem Krise!, Krise!-Geschrei die Sache so gedreht, dass wir alle, die Steuerzahler dieser Welt, ihnen ihre Verluste ersetzen und die Voraussetzungen schaffen für die nächste Runde.
Themenwechsel, zurück zur Kultur. Und Zoom vom Globalen auf's Regionale. Hierzulande zeigt uns Linz09, dass Kunst und Kultur in der XXX-Large-Packung recht unterhaltsam sein kann und auch den Tourismus fördernd (allerdings soll man bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben). Eine große Linz-Erzählung ist jedoch, für mich zumindest, nicht zu sehen. Nichts, was die Frage beantworten würde: Was wäre anders, wenn es das Kulturhauptstadtjahr nicht gäbe? Mit Hrabal zu sprechen: Was hat uns qualitativ verändert?
Bei einer Linz09-Kultur-Busfahrt bin ich kürzlich durch Freistadt im schönen Mühlviertel gekommen. Die Stadt war voller Plakate, die einem schon von weitem auf knallgelbem Grund den Satz entgegen schrieen: Zukunft findet statt! Darunter stand, wesentlich kleiner, die Erläuterung, welche Art Zukunft gemeint ist: Es wurde eingeladen zur feierlichen Inbetriebnahme einer neuen Kläranlage.
Was sich ein wenig seltsam bis lachhaft anhört, ist möglicherweise von großem Ernst. Die Kläranlage an sich, die Kläranlage als Prinzip ist möglicherweise tatsächlich das gegenständliche Korrelat für jede noch mögliche Denkweise von Zukunft. Wir, die wir dabei sind, uns total zu individualisieren, können letzten Endes nicht viel mehr tun, als immer effektivere Kläranlagen zu finanzieren, die den ganzen Dreck filtern, der so anfällt bei dem, was wir tun. Und die dann das übelste Zeug aussondern und beseitigen und den Rest einer neuen Verwendung zuführen. Wir können immer weniger erfahren, aber immer mehr konsumieren und damit den Kläranlagen weiter Material zuführen.
PS.: Wenn wir schon von Hrabals "Allzu lauter Einsamkeit" reden: Der von Bildung und Büchern besessene Hănta verschwindet am Ende buchstäblich und physisch gemeinsam mit dem Altpapier, in einem fest zusammen gepressten Paket aus Kunst und Literatur...
Walter Kohl, geboren 1953 in Linz, ehemaliger Autovermietungs-angestellter und Journalist, seit 1996 freier Schriftsteller. Mitglied der GAV. Lebt in Eidenberg bei Linz. Kohl schrieb mehrere Bücher (zuletzt: „Wie riecht Leben“, Zsolnay, Wien 2009: „Die dunklen Seiten des Planeten“, Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 2008: „Nacht die nicht enden will“, Leykam, Graz 2007; „Die Poldi“, Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 2006). Weiters schreibt er Theaterstücke, in den vergangenen Jahren wurden aufgeführt: „Der große Rosengarten Schwindel“ (UA Jänner 2005 Theater Phönix, Linz), „Der Schwärzer und seine Braut“ (UA Februar 2005 in Kollerschlag), Theaterstück „Talfahrt“ (UA am 1.Dezember 2006 im Kulturhaus Remise Bludenz). Seine Arbeiten wurde unter anderem mit einem Max-von-der-Grün-Preis 1992, dem Dramatikerpreis des Landes Oberösterreich 1995, einem Mira-Lobe-Stipendium 2003 und dem Hörspielpreis des „Leipziger Hörspielsommers” 2004 gewürdigt.









