
THOMAS MAURER
Dass Sie diesen Artikel lesen können, liegt daran, dass ich ihn geschrieben habe, und dieser Sachverhalt verdankt sich zumindest indirekt der Tatsache, dass Linz 2009 europäische Kulturhauptstadt ist.
Ich erwähne das hier deshalb extra, weil ja parallel zu Linz09 umfangreiche Evaluierungsmaßnahmen laufen, um quantifizierbar zu machen, was Linz09 qualitativ so gebracht hat. Zumindest in diesem Zusammenhang ist es also vermutlich interessant, dass ich durch Linz09 zwar nicht dazu angeregt, aber zumindest daran erinnert wurde, diesen Artikel zu verfassen. Gestern nämlich, also nicht am Tag, bevor sie diesen Text lesen, sondern an dem, bevor ich diesen Artikel zu schreiben begonnen habe, hörte ich auf Ö1 einen Zwischenbericht über den Evaluierungsstand zur oberösterreichweiten Akzeptanz von Linz09.
In den Interview-O-Tönen erklärten Einwohner von Steyr bzw. Wels, von Linz09 schon gehört zu haben, sich aber in Wels bzw. Steyr schlecht darüber informiert zu fühlen, was denn dieses Linz09 im Detail genau sei.
Anschließend wurde eine Statistik verlesen, der zufolge ein überwältigender Großteil der nicht in Linz ansässigen Oberösterreicher angab, der Landeshauptstadt bisher keinen mit dem Kulturjahr in Zusammenhang stehenden Besuch abgestattet zu haben; ein annähernd eben so großer Prozentsatz gab aber tröstend an, sich einen solchen Besuch durchaus vorstellen zu können, ja zum Teil regelrecht zu planen.
Es folgte eine kurze Statistik, der zu entnehmen war, wie viele Kunstaktionen an wie vielen Tagen auf wie vielen Schauplätzen stattgefunden haben bzw. noch stattfinden werden; abschließend gaben Linz09-Offizielle bekannt, dass Linz09 mittlerweile immerhin 97% der Oberösterreicher ein Begriff sei (der Rest lebt vermutlich auf Almen, in Pflegeheimen oder unter Tag) und dass das doch irgendwie ein schöner Erfolg sei.
Dann war der Beitrag aus, und als Geistesmensch hätte es mir natürlich gut gestanden, wären mir umgehend brillante Gedanken zum Thema Kunst, Kunstvermittlung, Marketing und Eventkultur gekommen.
Stattdessen erschien vor meinem geistigen Auge ein lange verdrängtes eMail des Inhalts, dass ich bis spätestens soundsovielten einen etwa 5.000 Zeichen langen Artikel mit dem ungefähren Inhalt „Kulturpolitik“ für die Posthof-Zeitung zugesagt habe.
Nun wäre es eigentlich naheliegend, ein paar tausend Zeichen lang der Frage nachzugehen, ob Ereignisse wie Linz09 tatsächlich dazu geeignet sind, auch Leute, die an sich keine ausgeprägtes Naheverhältnis zu den Künsten haben, durch eine Art atmosphärischer Tröpfcheninfektion mit Kulturbegeisterung anzustecken.
Allein: Ich weiß es nicht. Möglich wär‘s natürlich. Grundsätzlich nimmt man ja Dinge, auf die man aufmerksam gemacht wurde, verstärkt wahr.
Zum Beleg dieser These habe ich eben gegoogelt, was denn gerade für ein Welttag des Irgendwas ist. Und kann nun bekanntgeben: Dieser Text wurde am von der UNO gestifteten Tag für die Aufklärung über Minengefahr und die Unterstützung von Antiminenprogrammen verfasst. Es ist nicht zu bestreiten, dass mir dieses Problemfeld nun bewusster ist als noch vor 5 Minuten. Ich war zwar immer schon an sich eher für Antiminenprogramme, hatte diese Überzeugung aber bis jetzt nicht aktiv im Bewusstsein, und so ähnlich geht es ja auch vielen Menschen mit der Kunst.
Für Aufklärung über Minengefahr bin ich zwar, wie vermutlich auch die Leser der Posthof-Zeitung, als Bewohner eines weitgehend demilitarisierten Landes nicht gerade Zielgruppe, aber immerhin ist mir gerade aus versiegelt geglaubten Regionen meines Kindheitsgedächnisses wieder die Geschichte entgegengepurzelt, die ein im Tullnerfeld ansässiger Onkel meiner ebenfalls von dort stammenden Oma in den frühen Siebzigern erzählte, dass nämlich ein Bauer des Dorfes mit dem Traktor auf eine in seinem Rübenfeld schlummernde Panzermine aufgefahren und nach der Detonation wie durch ein Wunder verkratzt und verbeult, aber im wesentlichen unverletzt aus der Krone eines nahegelegenen Mostapfelbaumes geklettert sei. Der Steyr 80 Traktor sei freilich auf Fleckerln zerrissen worden, aber der Nachbar habe ohnehin bereits die Anschaffung von etwas modernerem erwogen gehabt. Das tückische Sprengmittel wurde im übrigen konsequent als Russenmine bezeichnet, und ich vermute, dass mir der Gedanke, es habe sich dabei doch wohl eher um ein von der deutschen Wehrmacht zur Russenabwehr gelegtes Exemplar gehandelt, mir entgegen meiner Erinnerung nicht damals, sondern erst jetzt gekommen ist.
Weiters erinnere ich mich plötzlich, vor etwa einem halben Jahr im Kunstviertel von Beijing ein zeitgenössisches Skulpturenobjekt gesehen zu haben, das mich in Ratlosigkeit stürzte; einen Traktor in Originalgröße nämlich, der aus lauter Spielzeugpanzern zusammengesetzt war. Ich kam ums Verrecken nicht dahinter, ob es sich dabei
a) um ein subversives (der Partei ist das Militär wichtiger als die Ernährung der Massen!),
b) um ein linientreues (Traktoren sind Waffen, mit denen der Kampf um die Ernährung der Massen ausgefochten wird!) oder
c) um ein postmodernes (Schaut‘s, ich hab einen Traktor aus kleinen Panzern gebastelt! Lustig, oder?) Kunstwerk handelte.
Und so hat Linz09 (nach einem Umweg über Ö1, den Redaktionsschluss der Posthof-Zeitung und den internationalen Tag für die Aufklärung über Minengefahr und die Unterstützung von Antiminenprogrammen) zumindest mich dazu gebracht, wieder mal konkret über kontemporäre Kunst nachzudenken.
Wie der Rest der Welt reagiert hat, erfahren wir dann 2010, wenn der endgültige Evaluierungsbericht vorliegt.
Thomas Maurer ist Kabarettist und lebt in Wien.
Sein neues Programm „奥地利 Àodìlì“ ist am Di. 9. und Mi. 10. Juni wieder im Posthof zu sehen.









