
THOMAS BAUM
die verantwortung der politik - linz 09 und bags-kv
Bevor ich zum Eigentlichen komme, muss ich ganz kurz lästig sein und an 2009 und die Jahre danach erinnern. Das Wort „Nachhaltigkeit“ will man in Linz ja gar nicht mehr so gerne hören. Weil es während der Kulturhauptstadt-Vorbereitungen allzu inflationär verwendet wird. Trotzdem: damit es nach dem großen Fest nicht zum großen Katzenjammer kommt, sollte sich irgendjemand überlegen, wohin sich Linzkunst und Linzkultur in den nächsten fünf Jahren entwickeln soll. Wessen Aufgabe das wäre? Sicher die der Politik. Mit Unterstützung von Experten. 09 muss ein Sprungbrett sein. Für deutliche Qualitätsschübe im kulturellen Alltagsleben. Wenn die Zirkuszelte abgeräumt und die Wohnwagen abgefahren sind, muss Linz spannender und vielfältiger geworden sein und bleiben. Neue Spielstätten und Ausstellungsräume, ein herausforderndes und weltoffenes Angebot, bessere Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten für darstellende, bildende, schreibende, komponierende, filmende KünstlerInnen, Pools und Plattformen für mutige und riskante Experimente, insgesamt eine bewusste generelle Höherbewertung der künstlerischen Ausdruckspotenziale - ganz von selbst wird sich das alles wohl nicht entwickeln. Dafür wird es Strukturen und Ressourcen brauchen. Und tragfähige Entscheidungen, die man möglichst ab jetzt vorbereiten müsste. Aber bitte nicht in schwerfälligen Beiratsgremien, die auf Grund lähmender Statuten sehr viel besprechen und sehr wenig bewirken. Schlanke Strukturen, kreative Köpfe, umsetzungswillige Entscheidungsträger und Lust auf Linz auch über 09 hinaus.
An dieser Stelle schwenke ich auf ein Thema um, das aktuell unter den Nägeln brennt: BAGS-KV. Hinter dem Kürzel verbirgt sich der Kollektivvertrag der „Berufsvereinigung der Angestellten der Gesundheits- und Sozialberufe“. Hat auch mit Kultur zu tun. Arbeitspolitische Kultur. Wobei ja ohnehin alles mit allem zusammenhängt. Da und dort geht es - unter anderem - um öffentliche Gelder. Um die Schwerpunkte, die man damit setzen will. Die Gegenwartskunst gehört in diesem Zusammenhang von jeher nicht zu den übermäßig ausgestatteten Bereichen, und in neoliberalen Zeiten muss auch der soziale Sektor seinen Geldaufwand verstärkt legitimieren.
Ich unterstelle, dass nur relativ wenige eine Vorstellung davon haben, wie viel Sozialdienstleister wirklich leisten. Hauptsache, dass es die professionellen Helfer in den verschiedenen sozialen Feldern gibt. Könnte ja sein, dass auch wir selbst oder uns nahe Menschen einmal ihre Unterstützung brauchen.
Familien- oder Partnerschaftskrisen, berufliches Burn-out, psychische oder physische Beeinträchtigung, persönliche Verluste und Schwierigkeiten - etwas davon kann jeden treffen. Und dann sind wir froh, dass wie sie haben: SozialarbeiterInnen, TherapeutInnen, PädagogInnen, BeraterInnen und BetreuerInnen. Wir wünschen sie uns kompetent, stabil und motiviert. Und stark genug, um das nötige Maß an Zuwendung, Empathie und Optimismus aufzubringen. Gewährleisten soll das unter anderem eben jener Kollektivvertrag. Er gilt als Errungenschaft, weil damit die Mindest-entlohnung bundesweit einheitlich geregelt wird.
Nutznießer dieser Richtlinien sollten in erster Linie die „Konsumenten“ jener vielfältigen Beratungs- und Betreuungsleistungen sein, die uns im Sozialstaat Österreich zur Verfügung stehen. Ob in der mobilen Pflege, Wohneinrichtungen oder Beratungsstellen - wer hier Unterstützung erhält, soll sicher gehen können, dass ordentliche gesetzliche und finanzielle Rahmenbedingungen auch qualitätsvolle Dienstleistungen ermöglichen.
Die dafür nötige Arbeitszufriedenheit wird aber etlichen MitarbeiterInnen mehrerer verdienstvoller Einrichtungen in Oberösterreich gerade gründlich ausgetrieben. Neue Leistungsverträge zwingen deren Geschäftsführungen nämlich einen rigorosen Sparkurs auf. Und bringen sie in eine prekäre, ihnen kaum zumutbare Situation. Eigentlich verantwortlich für ein möglichst konstruktives Arbeitsklima, sind sie in ihren Leitungsfunktionen nun angehalten, ihre MitarbeiterInnen zu vergrämen. Wenn sie ihre Aufgabe nämlich erfüllen und ihre Betriebe mittel- und langfristig über Wasser halten wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in schon bestehende, also alte Dienstverträge einzugreifen und langjährigen und deshalb besser entlohnten MitarbeiterInnen eine Änderungskündigung vorzuschlagen. „Änderungskündigung“ - raus aus früheren Vereinbarungen und runter auf BAGS KV Mindestgrundgehalt - das kann für eine Sozialarbeiterin mit Familie massive Einbußen bedeuten. Dabei fällt die Entlohnung für Beschäftigte im sozialen Sektor ohnehin nicht berauschend aus. Diese finanzielle Zurückstufung tut weh, verletzt und kränkt. Und kann zu ernsten existentiellen Problemen führen. Völlig absurden innerbetrieblichen Konflikten sind damit Tür und Tor geöffnet.
Viele haben gegen diese massive Abwertung von sozialer Arbeit heftig protestiert. Der zuständige Soziallandesrat Josef Ackerl hat daraufhin mit einer Verlängerung der Entscheidungsfristen den Druck aus den Verhandlungen genommen und sucht zusammen mit Gewerkschaftsvertretern nach annehmbaren Lösungen. Landeshauptmann Josef Pühringer hält sich allerdings konsequent bedeckt. Als oberster Repräsentant der Landesregierung, dem größten Auftraggeber für soziale Dienste, läge es aber ganz wesentlich auch an ihm, die politischen Rahmenbedingungen zu reparieren und neu anzupassen. Ein Signal der Wertschätzung wäre dringend angesagt.
Sozialdienstleister leisten nämlich meist mehr, als ihnen Dienstverträge abverlangen. Sie arbeiten oft hart an der Belastungsgrenze. Selbstausbeutung ist gang und gäbe. Es gehört zum gelebten Alltag, die von den politischen Systemen verursachten Versäumnisse und Fehler mit großem Einsatz auszugleichen und wettzumachen. Und auch in Zukunft wird die Nachfrage das Angebot tendenziell eher übersteigen. Die „Geiz-ist-geil“-Gesellschaft mit ihren Ich-AGs wird auch weiterhin sehr verlässlich zwischenmenschliche Verarmung produzieren. Die Kosten für den sozialen Sektor werden weiter wachsen. Deren Aufbringung darf man nicht den Führungsebenen und Mitarbeiterinnen der Anbieter in die Schuhes chieben. Die Verantwortung liegt - da wie dort - letztendlich bei der Politik.
Thomas Baum lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Linz. Theaterstücke wie Kalte Hände, Schlafende Hunde und Harte Bandagen stammen ebenso aus seiner Feder wie die Hauptabendfilme Das Geständnis, Ausgeliefert, die Tatortfolge Tödliches Vertrauen und die zweite Staffel der Fernsehserie Der Winzerkönig. Zusammen mit Regisseur Andreas Prochaska schrieb er das Buch zum Kinofilm In 3 Tagen bist du tot, der mit dem Silver Méliès for Best European Fantastic Film und dem Golden Ticket ausgezeichnet wurde. Für sein Gesamtwerk erhielt Baum den Oberösterreichischen Landeskulturpreis. Neben seiner Autorentätigkeit arbeitet er als Supervisor, Lehrsupervisor und Lebens- und Sozialberater in eigener Praxis und unterrichtet an der Kunstuniversität Linz und an der Wiener Filmakademie.









