Sa 01 Mai 2010

THOMAS BAUM

Schmierentheater

 

Der erste Akt dieses Polittheater-Jahres mit den Wahlen des Bundespräsidenten und der Landtage in Wien, der Steiermark und dem Burgenland hat bislang all das erfüllt, was man laut Duden-Definition des im Titel genannten Genres erwarten darf: niedriges Niveau und billige, abgeschmackte Einfälle.
Aber es wird garantiert noch schlimmer kommen. Denn Protagonist H.C. Strache ist Garant dafür, dass die tiefsten Schubladen längst noch nicht aufgezogen sind. Zuletzt übte er sich im Outrieren, also im dick aufgetragenen Übertreiben, auf der echten Theaterbühne eher kein Zeichen für schauspielerische Qualität. Auf den Brettern der Politik hingegen lässt sich damit - eher schlecht als recht - ein Rollenwechsel überspielen. Statt des zündelnden Aggressors gab Strache diesmal das unschuldige Opferlamm.
Beinahe hätte man meinen können, seine Empörung über die inzwischen berühmte und auch sehr gelungene „Am Schauplatz“-Dokumentation, die das Publikum durch den Alltag zweier junger Neonazis führte, sei echt gewesen: Ein ORF-Filmemacher habe die beiden jungen Männer zu Sieg-Heil-Rufen angestiftet, um ihn, den FPÖ-Obmann, vor der Kamera ins rechtsextreme Licht zu rücken! Herzerschütternd, mit welcher Entrüstung Strache die Medien bespielte. Wie unerhört, ihn, den selbsternannten Antipoden zu Che Guevarra, ins Nazi-Eck zu stellen! Wie unglaublich, jemanden, der nach Eigendefinition nie ausländerfeindlich, sondern immer nur österreichfreundlich gewesen sei, mit unverhohlenem Rassismus in Zusammenhang zu bringen!
Es werden nicht nur potentielle FPÖ-WählerInnen gewesen sein, die sich in dieser Sache auf H.C. Straches Seite schlugen. Gut, er gab den verbotenen Kühnengruß als Getränkebestellung aus, und ja, es existieren Bilder, auf denen er in Uniform und ausgerüstet mit einem Paintball-Gewehr an wehrsportähnlichen Spielen teilnahm, und es stimmt schon, dass einer von seinen damaligen Kumpanen jetzt im Vorstand der deutschen NPD sitzt, und zugegeben war der heutige FPÖ-Obmann auf einem Foto aus den 90er Jahren inmitten einer Gruppe der neonazistischen Wiking-Jugend zu sehen. Aber sollte Selbstdarstellungskünstler Strache in diesen Fällen mehr als nur Milieu- und Charakterstudien betrieben haben, wurde ihm dies von einem ehemaligen SPÖ-Bundeskanzler als Jugendtorheiten verziehen. Und jetzt springt für ihn ständig kein geringerer als der ÖVP-Klubobmann in die Bresche, indem er, fachlich nicht unbedingt versiert, der österreichischen Dokumentarfilmbranche ihren Beruf erklärt, mit dem ORF alte Rechnungen begleicht und sich damit nebenbei die Gunst der Blauen sichert - vielleicht für einen allfälligen Koalitionswechsel noch vor oder nach der nächsten Wahl.
Bei derart prominenten Fürsprechern könnten gutgläubige ÖsterreicherInnen doch annehmen, dass H.C. Strache tatsächlich einen Gesinnungswandel vollzogen und mit rechtsaußen nichts mehr am Hut hat. Wenn dem so ist, müsste er allerdings in eine ständige Auseinandersetzung mit seinem Parteikollegen Martin Graf, seines Zeichens 3. Nationalratspräsident, verwickelt sein. Der ist nämlich nach wie vor ungeniertes Mitglied der Burschenschaft „Olympia“, die auf ihrer Homepage die Weiterentwicklung „germanistischer, deutschsittlicher und nationalpolitischer Werte“ fordert, welche ihre Versinnbildlichung in Ehre, Freiheit und Vaterland finden sollen. Auf der Gästeliste dieser Vereinigung finden sich, laut einem Dossier auf einer Web­site der Grünen, neben einigen Aktivisten und Funktionären der NPD auch diverse rechtsextreme Liedermacher. Einer von ihnen hat den Udo Jürgens-Schlager „Mit 66 Jahren“ folgendermaßen abgewandelt: „Mit 6 Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an, bis 6 Millionen Juden, da bleibt der Ofen an...“
Dass Martin Graf nichts dabei findet, einer Vereinigung anzugehören, die Leute dieses ungeheuerlichen Kalibers zum „intellektuellen Diskurs“ einlädt, ist ja hinlänglich bekannt. Aber auch Herrn Strache scheint dieser Umstand genauso wenig schlaflose Nächte zu bereiten wie das Liebäugeln seines Linzer Stadtrates Detlef Wimmer mit dem neonazistischen „Bund freier Jugend“. Äußerst rechte Umtriebigkeiten in seiner Partei scheinen den FPÖ-Chef also nicht zu stören, scheint so, als könne er damit gut leben, sie sind ihm offenbar nicht fremd.
Warum um alles in der Welt konnte ihn dann ein wahrscheinlich nie gefallener „Sieg Heil“- Sager derart auf die Palme bringen? Die Vermutung liegt nahe, dass Straches Aufregung nichts als eine künstlich aufgeblähte Inszenierung war. Ein aus dem Hut gezauberter Skandal samt saftigem dramaturgischem Beiwerk wie Razzien, Beschlagnahmungen und Klagen. Ein Ablenkungsmanöver, um die Aufmerksamkeit von Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz abzuziehen, die sich mit ihrer zuerst unklaren und dann peinlichen Abgrenzung vom Nationalsozialismus für die FPÖ als imageschädigender Fehlgriff erwies.
Wir dürfen prognostizieren, dass in diesem Jahr noch weitere Rührstücke ähnlicher Machart folgen werden. Bleibt nur zu hoffen, dass sich jener Teil des Publikums, der solchen Schmieren applaudiert, in halbwegs erträglichen Grenzen hält.

THOMAS BAUM lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Linz. Theaterstücke wie Kalte Hände, Schlafende Hunde und Harte Bandagen stammen ebenso aus seiner Feder wie die Hauptabendfilme Das Geständnis, Ausgeliefert, die Tatortfolge Tödliches Vertrauen und die zweite Staffel der Fernsehserie Der Winzerkönig. Zusammen mit Regisseur Andreas Prochaska schrieb er das Buch zum Kinofilm In 3 Tagen bist du tot, der mit dem Silver Méliès for Best European Fantastic Film und dem Golden Ticket ausgezeichnet wurde. Für sein Gesamtwerk erhielt Baum den Oberöster­reichischen Landeskulturpreis. Neben seiner Autorentätigkeit arbeitet er als Supervisor, Lehrsupervisor und Lebens- und Sozialberater in eigener Praxis und unterrichtet an der Kunstuniversität Linz und an der Wiener Filmakademie.