
STELLA ROLLIG
Du bist '09
„Wird Linz 2009 die Ansprüche erfüllen?“, fragte mich unlängst eine Journalistin in einem Interview. „Natürlich nicht!“, lag mir auf der Zunge - eine Antwort, die ich mir verbiss, wohl wissend, dass erläuterungsbedürftige Einzeiler in den Massenmedien fehl am Platz sind. Mein Kurzstatement wäre als Kritik an der Intendanz von Linz '09 missverstanden worden. Das vorhersehbare Maulen wird aber nicht an dieser liegen, sondern an den Ansprüchen, die bereits jetzt in einem vielstimmigen Chor formuliert werden. Die Stadtpolitik und Tourismuszuständigen erwarten (inter)nationale Besucherströme, die Kunstschaffenden viele Möglichkeiten, ihr Werk prominent zu präsentieren oder ihre Konzepte gut dotiert realisieren zu können, die Institutionen viel, viel zusätzliches Geld und jeder andere, dass der eigene Kultur-begriff bestätigt wird.
Kunst/Kultur ist der Bereich unserer Gesellschaft, an den jede und jeder Ansprüche hat. Nicht nur Erwartungen - Ansprüche, wohlgemerkt. Haben Sie keine?
Das Schöne an Erwartungen ist, dass sie auf einer offenen Haltung ruhen: auf Neugierde, auf Lust auf Überraschendes. Ansprüche sind vordefiniert, basieren auf selbstgewissen Überzeugungen. Nun sind Ansprüche nicht nur schlecht. Sie bedeuten auch Sich-angesprochen-Fühlen, Mitredenwollen, etwas Wollen. Allemal besser als Desinteresse. Insofern ist Linz '09 schon etwas geglückt. Lebhaftes Interesse ist geweckt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Kunstschaffende in dieser Stadt bei jeder Gelegenheit - bei der Gemüsefrau zum Beispiel, gäbe es diese noch - gefragt werden: „Und was planen Sie für 2009?“.
Martin Heller und seinem Team ist es bislang jedenfalls gelungen, den Linzer Kunst- und Kulturproduzierenden das euphorische Gefühl zu vermitteln, dass alle etwas beitragen können, dass jeder Vorschlag willkommen ist und dass wir insgesamt alle etwas Gemeinsames auf die Beine stellen werden. Die Methode, derer sich Heller dabei bedient, ist das Ansetzen an der Basis. „Du bist '09“, nach dem Muster der „Du bist Deutschland“-Kampagne vor kurzem im Nachbarland. Die bislang veröffentlichten sogenannten Vorprojekte sind größtenteils von Einzelnen oder KünstlerInnen-Gruppen konzipiert und von den etablierten Institutionen weder initiiert noch an diese angebunden. Daher stellt sich als Hauptschauplatz der öffentliche Raum dar. So weit, so viel versprechend. Bloß: Wer kann etwas mit Kunst im öffentlichen Raum anfangen, und wenn, dann was? Was ist aus der ursprünglichen Idee der Public Art geworden, aus dem Wunsch des Grenzüberschreitens, dem Ziel größerer Öffentlichkeit, engagierter Dialoge?
Städtische Kulturprogramme und regionale Festivals setzen schon seit längerem auf die Public Art-Karte. Das Forum Stadtraum und die Einbeziehung des Publikums sind Trumpf. Man braucht nicht Marktforschung zu betreiben um zu erraten, wie öffentliche Kunst heute aussehen muss. Gefragt ist der Trick, Unterhaltung und (vorgeblich) kritischen Inhalt zu verknüpfen. Seit Widerspruch gegen die herrschenden Verhältnisse „an jedem aufgeklärten Stammtisch“ (Matthias Greffrath) zum verbindenden Thema geworden ist, hat sich das einstige Minderheiten-Programm Gesellschaftskritik auch in der Mainstream-Kultur durchgesetzt. In der Umsetzung allerdings hat der Unterhaltungsfaktor zunehmend an Bedeutung gewonnen. Nur so taugt das Anschauen oder die Teilnahme an solchen Projekten zur Freizeitgestaltung: Man ist an der frischen Luft, die Kinder machen mit, und dass es sich um Kunst handelt... nun, um so besser, das Kultursoll zu erfüllen, ohne sich ins Museum bemühen zu müssen. Die Frage, die sich immer und für Linz '09 im Besonderen dabei stellt: Welche Themen, welches Kulturverständnis, welcher Kunstbegriff werden dabei vermittelt?
Linz hat die Riesenchance, durch das Projekt Europäische Kulturhauptstadt tatsächlich zu dem zu werden, was es seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert zu sein behauptet: eine Kunst- und Kulturstadt. Nachhaltig wird das nur gelingen, wenn die Projekte im öffentlichen Raum, die Linz dann hoffentlich durchdringen, vielleicht auch „aufmischen“ werden, nicht nur als kurzweilige Events funktionieren (jetzt ist er gefallen, der verpönte Leitbegriff, der alle Debatten über die ständig zunehmende Ökonomisierung des Kunstschaffens und seiner Vermittlung prägt).
Nun sind Events nicht nur schlecht. Sie schaffen überdurchschnittliche Aufmerksamkeit. Sie ermöglichen eine -intensivierte Teilnahme an Kultur. Sie können, last but not least, Spaß machen. Mit den Linz '09-Projekten sollte die große Chance genutzt werden zu zeigen, dass Kunst einen einzigartigen Freiraum aufmacht, in dem wie nirgends sonst ge-schaut, gedacht, gespürt, mitbestimmt werden kann. Über Themen, die jede und jeden betreffen - Arbeitsverhältnisse, Natur, soziale Bruchstellen, Migration, Geschichte, Liebe, Poesie - aus Blickwinkeln, die Politik und Medien nie einnehmen.
Übrigens: Meine Antwort auf die Frage „Wird Linz 2009 die Ansprüche erfüllen?“ lautete: „Ja, sicher!“.
Stella Rollig ist Direktorin des Lentos Kunstmuseum Linz. Sie lebt in Linz und Wien. Zwischen 1992 und 1996 kuratierte sie im Auftrag des „museum in progress“ künstlerische Inserts in Printmedien: Interventionen in der Tageszeitung „Der Standard“ und Travelling Eye im Nachrichtenmagazin „profil“ (gemeinsam mit Hans Ulrich Obrist). Als österreichische Bundeskuratorin für bildende Kunst gründete sie 1994 das „Depot. Kunst und Diskussion“ im Museumsquartier, Wien. Für den „steirischen herbst“ 2000 kuratierte sie die Ausstellung <hers> Video als weibliches Terrain (Katalog). 2002 - März 2004 Kuratorin am O.K Centrum für Gegenwartskunst in Linz.









