Sa 01 Nov 2008

RUDOLF HABRINGER

das wörtchen "interessant", die eichborn-skala und linz 09

 

Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich an der Uni aus Interesse ein Seminar für angehende Kulturjournalisten besucht. Das war eigentlich ziemlich interessant. Der Leiter der Lehrveranstaltung war Kulturessortleiter einer bekannten Tageszeitung. Zur Übung habe ich damals eine Besprechung einer CD des amerikanischen Pianisten Keith Jarrett („Köln Konzert“) verfasst. Interessanterweise hatte der Kulturchef den Namen Jarrett bis dahin noch nie gehört gehabt. Das fand ich schon ziemlich erstaunlich. Beinahe hätte ich jetzt noch einmal interessant geschrieben.

In den ersten Zeilen dieses Artikels ist das Wörtchen „interessant“ oder Abwandlungen davon dreimal vorgekommen. Das nervt, zugegeben.
Dreimal „interessant“ und noch ein „eigentlich“ gratis dazu ist eigentlich dreimal zu viel.

Damals habe ich gelernt: Den Begriff „interessant“ kann ich mir sparen. Nur Menschen, die mit rotgeweinten Augen aus Theatersälen wanken und denen dann ein Mikrophon hingehalten wird, dürfen murmeln: „Eine sehr interessante Aufführung“, „durchaus interessant“, „eine interessante Erfahrung“ und so weiter. Auch die Wendung „interessant, interessant“, begleitet von einem hintergründigem Kopfschütteln könnte als uneindeutige körpersprachliche Äußerung durchgehen.

Rein sprachlich gesehen ist das Wort „interessant“ ein fauliger, gatschiger Schwamm und bedeutet gar nichts. Es bleibt wohl besser in der Schublade. Angeblich hat es sogar Goethe aus seinem „Goetz“ gestrichen. Bei Testreihen in einem Sprachlabor soll das Wort „interessant“ einen Gähnwert von -69 auf der nach unten offenen Eichborn-Skala ergeben haben. Was aber ist eine Eichborn-Skala? Ein Begriff, der nur verwirrt. Ich gestehe, dass auch ich noch nie davon gehört habe. Wahrscheinlich eine unverzeihliche Bildungslücke. Man kann nicht alles wissen.

Seit Monaten rauchen die Köpfe in den Büros der Linz 09-MacherInnen. Demnächst wird das dritte Programmbuch erscheinen. Vor kurzem bekam ich eine mail mit folgender Fragestellung: „Linz soll bis 2015 - so ein Hauptanliegen der Kulturhauptstadt - die interessanteste Stadt Österreichs werden. Was müsste sich konkret an Linz ändern, damit dieses hochgesteckte Ziel erreicht werden kann?“

Ich las die mail und stellte mir vor: In einem Besprechungszimmer von Linz 09 sitzen die Macher und kauen auf ihren Linz 09 Kugelschreibern. Wir müssen Linz voranbringen, sagt einer. Wir brauchen ein Ziel, sagt eine andere. Wo soll Linz 2015 stehen, fragt jemand. Wir machen ein brainstorming, sagt eine vierte. Überall im Raum verteilt hängen Plakate, Filzstifte in verschiedenen Farben liegen parat. Bald sind die Plakate beschrieben. Zum Schluss wird gepunktet. Die originellste Formulierung wird mit Leuchtstift unterstrichen. An der Flipchart prangt der Satz: „Linz soll bis 2015 die interessanteste Stadt Österreichs werden.“

Ich frage mich: Geht es noch ein wenig phantasieloser? Welchen Mehrwert gewänne die Stadt, wenn sich der Leerformelsatz „Linz - die interessanteste Stadt Österreichs“ durchsetzte? Würde ich einem Ausländer Linz so beschreiben wollen? Würde es mich nach Norwegen reißen, nur weil ich lese, in Stavanger (eine der Kulturhauptstädte 2008) stehe das interessanteste Konservenmuseum der Welt?

Geht es darum, dass Linz in japanischen und amerikanischen Reiseführern endlich vor Salzburg, Wien und Innsbruck angeführt wird? Und, wenn möglich, auch noch vor Krumau? Wenn ja, sollten dann die internationalen ReisejournalistInnen nicht ordentlich geschmiert werden? Handelt es sich bei Linz 09 in Wahrheit um ein Tourismusmarketingunternehmen?

Weit weg, in Sydney, Australien, erschien am 29. Juni in der Zeitung The Sun-Herald ein Artikel über Linz, in dem zu lesen ist: „It‘s hard not to feel a little sorry for Linz. It just seems ripe for bypassing, sandwiched as it is between Austrian‘s two main tourist drawcards, Vienna and Salzburg. Most people who go there do so for business; the tourists have got more pressing engagements either side. The sizeable - und largely industrial - city gets no favours from its history, either. The main reason anyone will have heard of it is that it was Hitler‘s home town. Understandably, there‘s no blue plaque trail.“ Der Artikel zeigt, wo der Referenzpunkt für einen Australier liegt, der nach Linz kommen will: „Linz is approximately 90 minutes from Viennas Westbahnhof Station.“

Tja, das scheint das Grundelend zu sein und zu bleiben, warum es mit dem Selbstbewusstsein hierzustadt so hapert: Eingezwickt zwischen Salzburg und Wien. Und immer wieder grüßt der Adolf. Ach, warum sind wir nicht interessanter als wir sind?

Vielleicht fallen den Machern von Linz 09 aber auch noch andere Zuschreibungen für Linz ein als bloß „interessant“. Her mit der Eichborn-Skala, her mit dem großen Gähnwert-Test!

RUDOLF HABRINGER, geboren 1960 in Desselbrunn/OÖ. Studium in Salzburg. Kabarett, Theaterprojekte, 1990-1994 Pianist bei Editta Braun & Company, Salzburg, 1989/90 Regieassistent am Salzburger Landestheater. 1990/91 Linzer Geschichtenschreiber. 1993 Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Preis (Einladung von Peter Demetz). 1994 Stipendiatsaufenthalt im LCB Berlin. 2000 Gründung des Erinnerungsprojekts Netzwerk Memoria. Lebt als freier Schriftsteller in Walding bei Linz. Romane, Erzählungen, Satiren, Stücke, Kleinkunstprojekte.
Zuletzt erschienen: Alles wird gut. Liebesgeschichten. Verlag Picus Wien 2007. Island-Passion. Roman. Verlag Picus Wien 2008. Kinderstück: Endlich was los auf dem Mond! (UA: 2008 Theater des Kindes Linz)




NEWS

16.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

16.05.Linzfest 2012
"Weltmusik 2.0" von 26. bis 28.5. im Donaupark

11.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

11.05.Fresh Entries Posthof-Programm
Hollywood Improshow, Retro Metal Overdose, Hader spielt Hader, Calexico

04.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

SPECIALS

POSTHOF 2.0

facebook twitter youtube myspace

Die Posthof Mobile App!

Available on the iPhone App Store Available in the Android market