Di 01 Dez 2009

RUDOLF HABRINGER

BEKENNTNIS EINES VERIRRTEN, DEM GESAGT WIRD, DASS ER NICHT ZÄHLT

 

Wahrscheinlich kennen Sie das Gefühl: Irgendwo ist - angeblich - der Bär los, aber man ist nicht dabei. Immer findet irgendwo gerade eine Revolution statt, die den, der nicht gleich mit los rennt, zur Schnecke macht.
Ich gestehe: ich bin tatsächlich nicht überall dabei. Ich schlucke freiwillig nicht jede angesagte Innovationspille. Vielleicht zähle ich ja zu den Revolutionsversäumern. Zu den Avantgardeverschläfern.
Vor kurzem lese ich in der von mir geschätzten Wochenzeitung DIE ZEIT von der Ausrufung einer neuen Weltvolksreligion namens Web 2.0. Ein eifernder Verkünder berichtet von der Abfahrt eines Avantgardezuges, dem man, sitzt man nicht bereits an Bord, nur mehr dumm nach schauen kann.
Kurz gefasst ein paar Sätze daraus (die Kursivsetzungen sind direkte Zitate): Soziale Netzwerke wie Facebook erzeugen einen neuen Menschentypus. Diese Entwicklung ist als Revolution zu werten, die die Umwälzung des kollektiven Affekthaushaltes bedeutet. Charisma lässt sich nicht mehr durch zeitweilige Abwesenheit steigern, sondern offenbar nur durch Dauerpräsenz in Dauerkommunikation.
Das hervorstechende Merkmal des Artikels besteht zum einen in der hysterischen Affirmation seiner totalen Ansage (Glaubenssätzen gleich), vor allem aber in der umfangreichen Immunisierung jeder Kritik. Besonders ausführlich beschäftigt sich der Autor mit denen, die nicht zur Gruppe der Gläubigen (verwendete Ausdrücke dafür im Artikel: Netzavantgarde, neue Sonnengötter) gehören und führt sie in einer Etüde sprachlicher Abwertung vor:
Wer schweigt, zählt nicht. Zurückgezogenheit (also Nichtteilnahme an Facebook, Myspace usw.) sei die Arroganz überkommener Macht. Wer Facebook nicht nutze, sei schlechterdings ein Sonderling, vergleichbar mit jenen Verirrten, die einst zögerten, sich ein Handy anzuschaffen. Skeptiker seien Ewiggestrige, die Zeichen der Zeit albern überhörend, darin Honecker ähnlich, der auch den Gezeitenwechsel in der DDR übersah. Eh hinweggefegt würden: die Geisteswissenschaftler altväterlicher Manier mit klobigen Büchern nebst ängstlichen Journalisten (...) und verbildet Hochnäsigen, die im gewitzten sozialen Austausch im Netz nur Oberflächlichkeiten wittern. Der schweigsame Sonderling, dem man einst (...) Intellektualität unterstellte und Seelentiefe, findet im Netz keine Ausdrucksform. Zögerliche, Nachdenkliche und Schüchterne würden ausgesondert.
Nach Lektüre des Textes kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein Auskenner und Platzanweiser die ganz große Klappe aufreißt. Und in reichlich rigiden Antagonismen, in Metaphern der Abgrenzung und einer altbackenen, aus Zeiten schwarzer Pädagogik stammenden Verdammungsrhetorik aufmarschiert.
Ich bin nicht bei Facebook. Die Verkündigung der neuen Weltrevolution habe ich übrigens auf Papier gelesen. Ich frage mich: Was will dieser Artikel von mir?
Dass ich die Schuld der Uneinsichtigkeit eingestehe? Dass ich gestehe, wie Honecker zu sein, wenn ich den Gezeitenwechsel überhöre? Dass ich zerknirscht zur Kenntnis nehme, nicht zu zählen, weil ich nicht dabei bin? Dass ich Buße tue, Asche auf mein Haupt streue, und endlich doch in den Hafen von Web 2.0. einfahre?
Ein Geständnis: Natürlich nütze ich das Web, e-mail, Google, Wikipedia, Perlentaucher etc. etc. Wenn ich mich recht erinnere, gehörte ich in Österreich sogar zu den ersten Zehntausend, die einen Internetanschluss hatten: dem europäischen Kulturmonat und Servus sei Dank, für die ich damals eine tägliche Kolumne schrieb.
Aber ich verweigere den hündischen Kniefall. Ich verweigere mich dem hysterischen Denkzwang, soziale Beziehungen seien in Zukunft nur mehr über das Netz zu führen. Ich deklamiere hiermit unfeierlich aber ohne die mir unterstellte Arroganz: Ich werde auch außerhalb von Facebook existieren, Freundschaften pflegen, mit Kindern spielen, musizieren und live Musik hören, Theater und Ausstellungen besuchen, mit der Partnerin streiten und mich versöhnen, klobige Bücher lesen und schreiben, am Meer spazieren gehen, bergwandern, Kastanien sammeln, live blödeln, live lachen oder auch weinen, wenn mir danach zumute ist.
Wenn sie bis hierher lesend durchgehalten haben: Diese Zeilen stammen von einem, der bald im Begriff ist, aus der Gruppe der für die Werbung relevanten Gruppe von 16 bis 49 Jahren hinaus zu wachsen. Vielleicht können Sie dann besser verstehen, warum jemand so denkt, wie er denkt.

P.S.1: Zwei Wochen später lese ich in der von mir geschätzten Wochenzeitung DIE ZEIT von einem Gedankenspiel, das auf die amerikanische Umweltaktivistin Donella Meadows zurück geht. 1990 schlug sie vor, den Begriff des „globalen Dorfes“ wörtlich zu nehmen. In der Folge wurde ein Modell entwickelt, das zeigt, wie es wäre, wenn unser Planet von 100 Menschen bevölkert wäre. Eine Zahl nur: 4 Menschen von 100 sind gegenwärtig bei Facebook (in Worten: vier). Anders ausgedrückt: 96 sind (noch) nicht bei Facebook. Und zählen doch.

PS 2: Bald ist das Kulturhauptstadtjahr zu Ende. Vergessen Sie nicht: 2015 ist Linz die interessanteste Stadt Österreich. So die Ansage vor einem Jahr. Ich nehme an, Sie werden das beizeiten überprüfen.

RUDOLF HABRINGER, geboren 1960 in Desselbrunn (Oberösterreich).
Lebt als freier Schriftsteller in Walding bei Linz.
Zuletzt erschienen:
„Alles wird gut. Liebesgeschichten“ (2007) und „Island-Passion. Roman“ (2008), beide beim Verlag Picus Wien. „Dieter Bohlen kommt zur Krippe“ (2008, Edition Geschichte der Heimat). Österreichischer Förderungspreis für Literatur 2009.




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