So 01 Mai 2005

ROBERT MENASSE

Cheesus! Was wahr sein darf. Was nicht.

 

Gerhard Haderer hat ein Problem. Nicht weil er von einem griechischen Gericht zu sechs Monaten Haftstrafe verurteilt worden ist. Dieser eigentümliche Prozess und alle seine bedrohlichen Konsequenzen sind bloß ein Symptom des eigentlichen Problems: Er ist sträflich, Realist in einer zunehmend irreal werdenden Welt zu sein.

Im Grunde ist der Weltzustand, wenn wir ihn realistisch betrachten, unser aller Problem. Nichts ist mehr wahr - entweder weil wir sagen: „Das darf nicht wahr sein!“, oder, noch schlimmer, weil wir es nicht einmal mehr sagen. Es ist nur noch „echt“, im Sinn der virtuellen „Echt-Zeit“, ein Begriff, der nichts anderes bedeutet, als dass wir nicht mehr Zeitgenossen sind, sondern zu hilflosen Konsumenten unserer eigenen Lebenszeit geworden sind.

Wäre die Haderer-Verurteilung im faschistischen Griechenland des Obristen-Regimes (noch gar nicht so lange her!) passiert, es wäre wahr gewesen, denn so sind sie, die Faschisten, zugleich hätte Haderer kein echtes Problem gehabt: denn kein freies demokratisches Land hätte Haderer ausgeliefert. Aber das Urteil wurde in einem freien, demokratischen Land gefällt, das die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst in seiner Verfassung garantiert, und das Mitglied der EU ist, des „größten und faszinierendsten Friedensprojekts in der Geschichte Europas“, so Wolfgang Schüssel. Und Schüssel würde Haderer ausliefern, denn, wie er sagte: „wenn es notwendig war, konnte sich die Kirche immer auf uns verlassen!“ Und Andreas Khol bemüht gar die „Solidarität des christlichen Abendlandes“, um zu begründen, warum Verfassungsrechte im faszinierenden Friedensprojekt EU zweitrangig sind, warum die staatlich garantierte Freiheit aufhört, wenn es um etwas geht, das in freien aufgeklärten Staaten Privatsache sein müßte: nämlich um Religion. Jedes EU-Land wird Haderer ausliefern müssen, wenn das Urteil bestätigt wird. Darf das wahr sein?

Ich muss gestehen, dass ich Haderers liebevolle Beschäftigung mit Jesus Christus zunächst nicht unbedingt nachvollziehen konnte.

Jesus war ein mystischer Schwärmer, dessen Jünger eine jüdische Sekte gegründet haben, deren Abnabelungsversuche vom Judentum fast zweitausend Jahre später zur beinahe vollständigen Ausrottung der Juden geführt hat. Was man von Jesus, seiner Geschichte, seiner Botschaft, und schließlich von denen, die sich auf ihn berufen, lernen kann, ist bloß dies: wie mystische Schwärmerei zu einem globalen politischen Problem werden kann.

Nach Kant schwamm Gott unbewiesen in seinem Blute. Feuerbach und Marx hielten die Totenreden. Nietzsche stellte den Totenschein aus.

Wenn mich etwas in diesem Zusammenhang interessiert, dann die Frage, wie es dem Ärzteteam um George W. Bush gelang, Gott zu reanimieren.

Der reanimierte Gott definiert und verunwirklicht den Weltzustand. Menschen wählen in Österreich, in Griechenland, in den USA gegen ihre realen Interessen, weil die, die sie wählen, sich auf Gott berufen. Ihre Ressentiments gegen aufgeklärtes Denken sind ihnen heiliger als ihre realen Bedürfnisse und ihre wirklichen Interessen. Zerschlagung des Gesundheitssystems - macht nichts, diese Menschen sind bereit, einen schmerzhaften frühen Tod zu sterben, wenn nur keine Abtreibungen mehr erlaubt sind, also das ungeborene virtuelle Leben geschützt ist. Zerschlagung des Bildungswesens - macht nichts, diese Menschen sind bereit, den Raub der Zukunftschancen ihrer Kinder und Enkelkinder hinzunehmen, wenn nur das schulische Morgengebet wieder eingeführt wird. Verlängerung der Arbeitszeit, Kürzung des Lohns - ist schon okay, denn Gott hat jeden an seinen Platz gestellt und verlangt Demut.

Darf das wahr sein?

„Echtzeit“ - das heißt heute Rückfall in voraufgeklärte Zeiten.

Einmal noch Schüssel wählen, und Khol ruft wieder das Gottesgnadentum aus.

Wenn diese Welt, wie sie sich heute darstellt, wirklich die von Gott gewollte Welt ist, dann ist das Grund genug, diesen Gott noch einmal zu töten.

Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hat Gerhard Haderer mit seinem Jesus-Buch einen Nerv in dieser Das-darf-nicht-wahr-sein-Welt getroffen. Vielleicht nur deshalb, weil er Jesus als Glückssucher gezeichnet hat - und das ist im gegenwärtigen Weltzustand, der keine Schöpfung mehr ist, sondern nur noch Erschöpfung, vielleicht der letzte Skandal. Denn der Anspruch auf Glück steht nur in der amerikanischen Verfassung, aber nicht in den Renditenplänen der amerikanischen und europäischen Konzerne. Wir sollen die Zähne zusammenbeißen, uns selbst geißeln, wir sollen nur noch das sagen dürfen: Wenn es weh tut, dann ist es gut! Und die westlichen Ayatollahs, die europäischen Mullahs sind entsetzt, wenn Gerhard Haderer einen glücklichen Jesus zeichnet.

Ich stelle mir vor: In der Zeit des Manchester-Kapitalismus spricht die Regierung submissest bei den Unternehmern vor und fragt: Was können wir tun, um den Standort Manchester zu sichern? Die Unternehmer sagen ganz ehrlich ihre Wünsche: 12-Stunden Tag, Kinderarbeit, keine Gewerkschaften etc., nur dann kann der Standort Manchester gesichert werden! Okay, sagt die Regierung, so wird es gemacht.

Ist das vorstellbar? Nein! Wäre es damals so gewesen, hätte die Politik schon damals nichts anderes getan, als die Unternehmer höflich nach ihren Wünschen zu fragen, dann wäre Schüssel heute nicht Kanzler, sondern ein obdachloser Analphabet. Das ist die Realität. Das Irreale aber ist, dass einer wie Schüssel heute Kanzler ist, und eine Politik (mit)macht, wie sie nicht einmal zu Zeiten des wildesten Kapitalismus denkbar war, und die künftig Chancen und Karrieren, wie er selbst sie hatte, verunmöglichen wird. Wahr und vernünftig sind ihm nicht die aufgeklärten Standards Europas, sondern bloß der Dunst eines „christlichen Abendlands“. Warum ist das so? Weil Gott es so will? Welcher? Der glücksuchende Jesus Haderers sicher nicht. Denn für den glücklichen Jesus und nicht für das real produzierte Unglück gibt es in einer irreal gewordenen Welt sechs Monate unbedingt. In Echtzeit. Für einen Realisten.

Robert Menasse, * 21. 6. 1954 Wien, Erzähler, Essayist und Übersetzer. 1981-86 Lektor für österreichische Literatur an der Universität São Paulo (Brasilien). Setzt sich in seinen Romanen mit der Stellung des Individuums in einer Welt des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs auseinander. Im Mittelpunkt seiner Essayistik steht die Positionsbestimmung der österreichischen Literatur. Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik, 1998; Grimmelshausen-Preis, 1999; Marie-Luise-Kaschnitz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing, 2000; Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg, Lion-Feuchtwanger-Preis, Joseph-Breitbach-Preis, 2002. Werke: Essays: Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik, 1990; Das Land ohne Eigenschaften, 1992; Phänomenologie der Entgeisterung, 1995; Dummheit ist machbar, 1999; Erklär mir Österreich, 2000. Romane: Sinnliche Gewißheit, 1988; Selige Zeiten, brüchige Welt, 1991; Schubumkehr, 1995; Die Vertreibung aus der Hölle, 2001.




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