Do 01 Apr 2010

MICHAEL AMON

Über Missbrauch und andere Bräuche

 

Der Tsunami, der jetzt die Katholische Kirche überflutet, ist nicht Folge aktueller Ereignisse, sondern ein Echo der Vergangenheit. Längst haben sich die meisten klösterlichen Internatsstrukturen aufgelöst. Die nun bekannt werdenden Übergriffe liegen Jahrzehnte zurück. In der Internatssituation kam es zu ganz speziellen Konstellationen. Ich war von meinem 6. bis 14. Lebensjahr in einer solchen Anstalt - keine „klassische“ Klosterschule, sondern ein Verein katholischer Laien (unter Aufsicht der Erzdiözese Wien). Von den jährlich zehn Schulmonaten verbrachte ich 12 Wochen in der Ischler Filiale (im längst abgerissenen Hotel Bauer), wo die Zustände besonders schlimm waren. Vorweg: die Missstände in den von Laien betriebenen Internaten glichen denen der Ordensbrüder. Die agierenden Laien waren weder dem Zölibat unterworfen noch homosexuell. Der sexuelle Missbrauch war daher in der Regel weder durch die Ausrichtung auf ein bestimmtes Geschlecht noch vom Zölibat verursacht. Der Zölibat selbst ist mehr Symptom als Ursache, die hohe Dichte von homosexuellen Gottesmännern mit unreifer Sexualität ebenfalls.
Die Kirche wird mit (zig?)tausenden Einzelfällen befasst werden. Das ist gut und unumgänglich. Aber, ein großes ABER, das reicht nicht. Die Kirchenleitung unternimmt den absurden Versuch, die Unzahl an Fällen als individuelle Vergehen Einzelner abzuhandeln (dabei stehen wir erst am Anfang, und der Missbrauch an Mädchen und der durch weibliche Ordensfrauen ist bis jetzt auch noch kein Thema!). Das ist unehrlich der eigenen Geschichte gegenüber und wird das Problem nicht lösen. Die Ursachen liegen tiefer. Ich wage die These: Jeder Zögling eines katholischen Internats war Opfer. Und zwar ausnahmslos und systemimmanent. Derzeit wird vorwiegend darüber diskutiert, welcher Pfarrer wann welchem Knaben aufs (volkstümlich ausgedrückt) Zumpferl gegriffen hat (oder greifen hat lassen). Das ist aber der weitaus kleinere, leicht erkennbare Teil der sexuellen Übergriffe. Jeder dieser Übergriffe ist Lustgewinn für den Täter und sexuelle Repression gegenüber dem Opfer. Genau diese Repression aber war grundlegendes und allgemein praktiziertes Erziehungsmittel. Die Grenzen zwischen genitalen und nichtgenitalen sexuellen Übergriffen sind fließend. In den meisten Internaten wurde brutalste körperliche Gewalt ausgeübt, sexuelle Deformationen fanden in haltlosem Sadismus ein Ventil. Die Schäden der geistlichen Herrschaften wurden instrumentalisiert, gegen die anvertrauten Jugendlichen eingesetzt - in der Überzeugung, so mache man gute Christenmenschen. Die Gewalt war akzeptiert, bloß das „aufs-Spatzerl-Greifen“ nicht. Aber das eine gab es nicht ohne das andere.
Die Mittel, derer sich der erzieherische Terror bediente, waren vielfältig und über Jahrhunderte erprobt. Missbrauch als Brauchtum sozusagen. Der Internatsleiter (ursprünglich Chef der Ischler Dependance) war ein grobschlächtiger, aggressiver Psychopath, der bevorzugt jene Zöglinge verprügelte, die ihm körperlich deutlich unterlegen waren. Er lauerte vor den Schlafsälen der Pubertierenden (die Türen mussten geöffnet bleiben), und wenn er wo eine verdächtige Bewegung wahrnahm, raste er ins Zimmer und riss dem Betroffenen die Tuchent weg. Nichts Peinlicheres konnte einem widerfahren. Erwischte „Wixer“ hatten keinen guten Ruf bei den nicht erwischten. Unter dem Regime dieses gläubigen Austrofaschisten entfaltete sich die individuelle Terrorherrschaft der laizistischen Erzieher. Sie prügelten ebenfalls, stießen Zöglingen, die beim Gang zu den Mahlzeiten das strikte Sprechverbot missachteten, die Köpfe gegen die Wand, verteilten Fußtritte und schlugen Nasen blutig. Mein Haupterzieher fand es spaßig, während der Lernstunden hinter uns durch die Reihen zu gehen und nach Lust und Laune dem einen oder anderen Handkantenschläge in die Nieren zu versetzen.
Andauernd wurde vor Schamlosigkeit gewarnt, aber beim gemeinsamen Duschen herrschte Nacktzwang. Wer konnte, brachte beim geringsten Anzeichen einer Erkältung eine „Duschentschuldigung“ der Eltern, um sich der kollektiven Nacktheit und den Augen des Erziehers zu entziehen. Unser Berufserzieher (mit evangelischem Bekenntnis!) vergnügte sich, indem er uns mitten im Duschen das Wasser von warm auf eiskalt stellte. Der Ausgang aus dem Gemeinschaftsduschraum war höchstens neunzig Zentimeter breit. Hier lümmelte der Erzieher, und wir mussten nackt und nass an ihm vorbei, immer in der Angst, von ihm körperlich attackiert zu werden: Boxhiebe, Rempler, an den Haaren reißen. Dazu bedurfte es keines Ordnungsverstoßes. Es war ausgelebte Willkür: Wir sollten uns klein und schäbig fühlen.
Als ich in der 1. VS den Verzehr von Linsen verweigerte, hielt mir eine Erzieherin die Nase zu, während die andere mir das Essen in den Mund stopfte, sobald ich nach Luft schnappte. Harmlos im Vergleich zu den Vorgängen in Bad Ischl: sogar Erbrochenes musste dort vom Boden gegessen werden, sonst drohte eine Prügelorgie des Internatsleiters. Bei der Beichte wurden wir hochnotpeinlichen Verhören über Schamlosigkeit und Unkeuschheit unterzogen. Befreundete man sich mit einem Leidensgefährten enger, drohten ebenfalls peinliche Verhöre und Warnungen vor Sodom und Gomorrha sowie ewiger Höllenpein. Die Einzelexerzitien in der Bibliothek des Internatsleiters waren legendär, auch wenn die Betroffenen sich dazu nie im Detail äußerten.
So ergibt sich das Bild einer Kirche, die es in zweitausend Jahren Geschichte nicht geschafft hat, eine vernünftige Haltung zur Sexualität zu finden. Im Gegenteil: wenn man das Gestotter mancher geistlicher Herren hört, hat man das Gefühl, dass den alten Verstrickungen neue hinzugefügt werden. Die Kirche in ihrer Gesamtheit wird nicht umhin können, sich neben der Aufklärung der Einzelfälle auch der einen, alles entscheidenden Frage zu stellen: Wo liegt der Systemfehler? Die Antworten werden weitaus schmerzhafter sein als alles, worauf man sich höheren Ortes bereits eingestellt hat.

MICHAEL AMON, Jahrgang 1954, lebt als freier Schriftsteller in Wien und Gmunden. Kreisky-Preisträger. Zuletzt erschien bei Molden „Und sie lügen doch“, eine satirisch-essayistische Abrechnung mit dem Neoliberalismus und der von ihm verursachten globalen Wirtschaftskrise.




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