
MARGIT SCHREINER
was ist denn jetzt schon wieder los?
Man hört ja die merkwürdigsten Dinge. So erfahre ich doch neulich anlässlich einer Lesung in Darmstadt, zu der mir der rührige Veranstalter schon Wochen vorher das Bahnticket geschickt hat, weil es dann billiger kommt und er sparen muss, dass die Stadt Salzburg ein Literaturfestival organisieren will, für das 20.000 Euro zur Verfügung stehen sollen. Habe ich noch nie etwas davon gehört. Aber was weiß man schon in Österreich? Niemand weiß bis jetzt, wie viel Geld der Buchmesse Litera jetzt im April 2008 letztendlich zur Verfügung steht und wenn ja, von wem, oder ob vielleicht überhaupt kein Geld dafür zur Verfügung steht, und die Verleger sich ihre Stände am Ende selbst besorgen und aufbauen und die Autoren sich ihre Lesungen selbst bezahlen müssen. Die Wiener veranstalten ja jetzt auch noch eine Buchmesse während die Schweizer zum Beispiel keine Buchmesse mehr veranstalten, weil sie pleite sind. Das scheint überhaupt ein Prinzip zu sein: Entweder ist gar kein Geld da oder zu viel. Für die Kulturhauptstadt 2009 ist viel Geld da (20.000.000 Stadt, 20.000.000 Land, 20.000.000 Europa). Fragt sich nur für wen und für was? Für regionale Projekte höre ich nur von Absagen. Dabei hätte uns Simon Rattle in Berlin vorgemacht wie das geht: Kunst und Region! Aber vielleicht haben unsere Kulturhauptstadtmanager ja ähnlich Pläne und wir wissen nur nichts Genaues. Jetzt war natürlich Transparenz noch nie wirklich eine österreichische Sache. Da haben wir Vorbildwirkung. Weltweit. Weil: Wer will heutzutage schon Transparenz? Da muss man sich ja nur vorstellen, so ein internationaler Konzern zum Beispiel würde seine weltweiten Machenschaften offen legen. Das wäre doch unmöglich. Es reicht ohnehin schon, was alles unfreiwillig auffliegt an unterschlagungen, Bestechungen, illegalen Transfers. Da ist es dann auch kein wirklicher Trost, dass dieses System systematisch an seinem Untergang arbeitet. Im Grunde ist es bereits gescheitert. Wir merken es bloß noch nicht so richtig, weil es - noch - Arbeitslosenunterstützungen gibt, weil inzwischen RTL den Sozialstaat ersetzt und verzweifelten Bürgern - fürs Programm wahrscheinlich gewinnbringend - zum Beispiel beim Aufräumen hilft oder bei der Kinder- oder Hundeerziehung oder gegen die Verschuldung, weil Buchmessen stattfinden und Kulturhauptstädte gewählt werden, weil überall Events veranstaltet werden, die ja, da sie kaum von Literaturliebhabern sondern wiederum von Managern veranstaltet werden, irgendwem, und sei es nur den Managern selbst, Gewinn bringen müssen. Höchstens dass wir - ich spreche jetzt von den Literaten - feststellen, dass aber die einzelnen Lesungshonorare trotz Inflation sinken statt zu steigen, dass Veranstalter nur Billigfahrkarten für längere Anreisen bezahlen wollen, dass Honorare für Radiobeiträge, falls da überhaupt noch Primärliteratur vorkommt, erheblich gekürzt wurden, ganz zu schweigen von den Hörspielhonoraren, von denen vorhergegangene Literatengenerationen noch gelebt haben. Zum Ausgleich dafür wird alles teurer. Also hoffen wir auf die horrenden Summen, die wir verdienen könnten, wenn wir einen Bestseller schreiben würden, genau so wie der Langzeitarbeitslose aufs Lotto hofft, der magersüchtige Teenager auf die Super-Star -Show oder die verzweifelte Hausfrau auf die Super-Nanny.
Jetzt werden Sie sagen: Die sieht doch alles nur schwarz. Intellektuellennörgeleien, Kulturpessimismus. Hurra, wir kapitulieren! Genau! Gehört nämlich zum System: Don‘t worry, be happy! Sorge dich nicht, lebe! Mach die sieben Tibeter, geh den Jakobsweg oder ins Fitnessstudio. Da kann ich nur sagen: Tu ich eh! Ich gehe zwar nicht gerade den Jakobsweg, der ist mir zu überlaufen, oder ins Fitnessstudio, das ist mir zu teuer, und - ehrlich gesagt - auch zu anstrengend, aber spazieren geh ich schon, heute zum Beispiel war ich Berlauchsammeln in den Trauner Auen, Sorgen mache ich mir möglichst keine und leben tu ich auch. Was bleibt mir sonst auch übrig?
Wir wissen aus der Geschichte nicht nur, dass Österreich nie die Transparenz gesucht hat, sondern auch, dass selbst tausendjährige Reiche nach kürzester Zeit zusammenbrechen können. So schnell können wir gar nicht schauen. In letzter Zeit bricht sogar fast wöchentlich etwas zusammen und zerschellt in einzelne Teile.
Nur müssen wir bedenken: So glimpflich wie beim Zusammenbruch des Kommunismus werden wir nicht davonkommen. Denn wer sollte uns Begrüßungsgelder bezahlen oder Bananen schenken? Wer?
Margit Schreiner wurde 1953 in Linz geboren. Sie studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg und ging 1977 für drei Jahre nach Japan. Sie lebt seit 1983 als freie Schriftstellerin zunächst in Salzburg und Paris, später in Berlin und Italien - heute wieder in Linz. Für Ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, zuletzt den Oberösterreichischen Landeskulturpreis.
Veröffentlichungen (Auswahl): „Haus, Frauen, Sex“ (2001), „Die Rosen des Heiligen Benedikt“ (2002), „Heißt lieben“ (2003), „Die Eskimorolle“ (2004), „Buch der Enttäuschungen“ (2005). Ihr neuer Essayband „Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?“ (Schöffling Verlag) erscheint im April 2008.









