Do 01 Feb 2007

MARGIT SCHREINER

für alle, die es nicht mehr freut

 

Seit kurzem freut es mich nicht mehr zu schreiben. Das passiert nicht zum ersten Mal in meinem Leben. Nur: Bis jetzt hat mich das nicht besonders bedroht. Ich hatte ja Zeit und dachte, es wird mich eines Tages schon wieder freuen. Und so war es ja dann auch immer wieder. Neuerdings aber habe ich Angst, dass es mich nie mehr freuen könnte zu schreiben. Es liegt wahrscheinlich an meinem Alter. Ich bin in einem Alter, in dem es eindeutig nicht mehr bergauf, sondern bergab geht. Ein Problem für den Schriftsteller, nicht für die Literatur. Mit den Figuren in der Literatur kann es ruhig bergab gehen, der Schriftsteller aber muss topfit sein, um ihren Niedergang auszuhalten. Schreiben ist ungefähr so anstrengend wie Bergsteigen. Und wer glaubt schon mit dreiundfünfzig, dass er noch einmal den Mount Everest bezwingen wird? (Außer meine frühere Freundin, die ist aber auch acht Jahre jünger als ich.) Mit zunehmendem Alter geht eine zunehmende Illusionslosigkeit einher. Was das Leben im Allgemeinen und das eigene Leben im konkreten betrifft. Hab ich mit den Büchern, die ich geschrieben habe, eigentlich das Geringste bewirkt? Und zwar für andere so wie für mich selbst? Oder stehen wir nicht alle wie immer am Anfang? Dazu kommen all die Bücher, die die anderen schreiben. Das wird immer mehr. Immer mehr Menschen, die immer mehr Bücher schreiben, die immer weniger bewirken. Der junge Autor hält sein Buch für das wichtigste von all den Büchern, die geschrieben worden sind. Der ältere Autor weiß um die Relativität alles Seienden, Werdenden und Geschriebenen. So weit so gut. Aber das ist bei weitem nicht alles, was mich abhält zu schreiben. Meistens stehe ich um halb sieben Uhr mit meiner Tochter auf und setze mich, wenn sie um 07:15 Uhr in die Schule fährt, bereits an den Schreibtisch. Aber dann fällt mir sofort ein, dass die Wäsche in der Waschmaschine bereits gestern fertig gewaschen war und nun aufgehängt werden muss. Und der Geschirrspüler muss erst ausgeräumt und dann mit dem gerade benutzten Frühstücksgeschirr wieder eingeräumt werden. Und die Katzen brauchen frische Milch, die Blumen gehören gegossen, das Tiramisu im Kühlschrank verrottet. Eigentlich könnte ich jetzt auch gleich noch einkaufen gehen, dann hab ich alles erledigt und kann schreiben. Ich gehe einkaufen. Danach bin ich ziemlich erschöpft, was mich ärgert, weil ich es für eine Alterserscheinung halte. Ich setze mich an den Küchentisch, trinke Kaffee und lese Zeitung. Wenn ich Pech habe, steht im Kulturteil der Zeitung, welcher Kollege schon wieder ein sensationelles Buch veröffentlicht hat. Das wirft mich erst einmal mindestens eine Stunde zurück. Ich grüble über den Literaturmarkt nach. Wie ist es möglich, grüble ich, dass ein derartig an den Haaren herbeigezogenes, konstruiertes, papierenes, bestenfalls pädagogisches Werk solche Euphorie hervorruft? Das deprimiert mich. Oder, wenn ich Glück habe, lese ich im Kulturteil der Zeitung, dass ein Kollege ein neues Buch veröffentlicht hat, das mich sofort interessiert. Aber auch das deprimiert mich letztes Endes. Wieso veröffentlicht der Kollege ein gutes Buch nach dem anderen und ich sitze herum und es freut mich nicht mehr? Wenn ich dann noch das Radio andrehe und ausgerechnet die Nachrichten erwische, kann der ganze Tag geschmissen sein. Ich frage mich dann zwangsläufig, wozu ich, angesichts der Weltlage im allgemeinen und der Lage in Österreich im besonderen, überhaupt noch eine Zeile zu Papier bringen soll. Der Sozialstaat verfällt, die Politiker ignorieren die Wahlergebnisse, die Wirtschaft wird privatisiert, der Wildwuchs gedeiht, die Kontrollinstanzen verschwinden, ganze Völker, von unseren sogenannten zivilisierten Länder ausgebeutet und ruiniert, flüchten und werden ins Meer geworfen, wer sie rettet, muss sich dem Vorwurf des Menschenhandels aussetzen lassen, das Völkerrecht wird ausgehebelt, der Rechtsstaat verbogen, der Krieg als Terrorbekämpfung gerechtfertigt, während unser Finanzminister immer noch jeden Tag seine Frisur um eine Nuance verbessert. Wozu da noch Kultur? Soll doch alles verrotten!

Andrerseits gibt es die berühmten Menschen da draußen auf dem Lande und in den Fabriken und Schulen, die freut auch schon langsam nichts mehr. Einige von ihnen lesen dann Bücher. Es gibt Jugendliche, die sich für alles Mögliche begeistern, und an ihre Zukunft glauben (müssen). Es gibt meine zwei Katzen, die Katzenfutter brauchen. Und sooo alt bin ich auch wieder noch nicht. Wissen Sie was? Ich setze mich jetzt hin und schreibe an meinem Roman weiter!

Margit Schreiner wurde 1953 in Linz geboren. Sie studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg und ging 1977 für drei Jahre nach Japan. Sie lebt seit 1983 als freie Schriftstellerin zunächst in Salzburg und Paris, später in Berlin und Italien - heute wieder in Linz. Für Ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, zuletzt den Oberösterreichischen Landeskulturpreis. Veröffentlichungen (Auswahl): „Haus, Frauen, Sex“ (2001), „Die Rosen des Heiligen Benedikt“ (2002), „Heißt lieben“ (2003), „Die Eskimorolle“ (2004), „Buch der Enttäuschungen“ (2005)




NEWS

16.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

16.05.Linzfest 2012
"Weltmusik 2.0" von 26. bis 28.5. im Donaupark

11.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

11.05.Fresh Entries Posthof-Programm
Hollywood Improshow, Retro Metal Overdose, Hader spielt Hader, Calexico

04.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

SPECIALS

POSTHOF 2.0

facebook twitter youtube myspace

Die Posthof Mobile App!

Available on the iPhone App Store Available in the Android market