
LUDWIG LAHER
Über Kehlmann, speckige Ledertaschen und die Piratenpartei
Daniel Kehlmanns Festspielrede wurde ausführlich und nicht selten hämisch kommentiert. Ein schönes Beispiel lieferte der publizistische Platzhirsch, die Salzburger Nachrichten, die den Autor in einer Überschrift als lesenden Lieblingsenkel enttarnen und ohne schlüssige Begründung urteilen: Das Problem von Kehlmanns Rede war auch ihr reaktionärer Tenor.
Zu Kehlmann und zum literarischen Hype um ihn mag man stehen, wie man will. Ihn als lesenden Lieblingsenkel zu titulieren, ist eine primitive Bosheit gegenüber Autor und Publikum.
Die angriffigen Thesen seiner Festspielrede muß man nicht goutieren. Aber zuhören oder nachlesen sollte man, bevor man das Gesagte ins Blaue hinein als reaktionär charakterisiert.
Kehlmann setzt sich nämlich exakt mit eben dieser Begrifflichkeit auseinander, indem er fragt, ob die in deutschsprachigen Landen auf dem Theater gängigen lockeren Umgangsformen mit Stücken für sich genommen schon Fortschrittlichkeit dokumentierten. Und er kommt zum Schluß, Inszenierungen seien ästhetische Entscheidungen und historisch akkurate Interpretationen deshalb per se noch kein reaktionäres Unterfangen, die Befürwortung drastischer Verfremdungen einer Vorlage umgekehrt noch lange kein Beweis für fortschrittliche Gesinnung. Man müßte meinen, darauf könnte man sich einigen. Aber weit gefehlt.
Allenfalls entschuldigte man den Sohn für seine Hommage an den einst berühmten Regisseur, seinen in den letzten Lebensjahrzehnten oft unbeschäftigten Vater Michael und unterstellte dem Autor persönlich motivierte Parteilichkeit, wenn er das Schicksal des Vaters in Übereinstimmung mit seiner Grundargumentation so skizzierte: Als altmodisch sei Michael Kehlmann seit den 80ern abgelehnt worden, weil er sich nach eigener Aussage als Diener der Autoren begriff.
Die sind freilich oft tot und können nicht mehr befragt werden. Auch sind selbst hervorragende Theaterautoren noch lange keine guten Regisseure, Doppeltalente wie Samuel Beckett eher die Ausnahme als die Regel.
Wer sich also als Diener des Autors begreift, begreift sich wohl eher als Diener des Werkes und legt damit im günstigsten Fall eine Haltung produktiver Demut an den Tag, im ungünstigsten eine falscher Heldenverehrung. Wer das Werk, um den anderen Pol zu benennen, hingegen als bloßes Material begreift, wird im günstigsten Fall dessen Aussage unverfälscht beibehalten, im ungünstigsten selbst diese in ihr Gegenteil kehren.
Dabei ist klar, wer ein Werk schafft, muß es, wenn er sich zur Veröffentlichung entschließt, entlassen. Meine Bücher entstehen in jedem Kopf neu, und so genau kann und will ich meine Protagonisten gar nicht beschreiben, daß die Leser sie sich nicht höchst unterschiedlich vorstellen. Das soll auch so sein. Wer fürs Theater schreibt, setzt sich stärker aus und muß zuweilen zusehen, wie sein Stück mißhandelt wird, aber auch den Prosaisten können Vermittlungsinstanzen zwischen Autor und Publikum in die Quere kommen, die eben nicht vermitteln, sondern ihr eigenes Süppchen kochen wollen.
Als vor vielen Jahren ein großer deutscher den in einem kleinen österreichischen Verlag erschienenen Roman eines jungen Autors neu auflegte, mußte der einen hohen Preis dafür in Kauf nehmen: Schon auf der ersten Seite hatte Walter Kappacher, 2009 Büchner-Preisträger, wenn ich mich recht erinnere, eine speckige Ledertasche durch eine abgewetzte zu ersetzen und das von einem Heimkehrer aufgeschnappte vertraute Pongauer Idiom durch ein nebuloses bayerisches. Auch stürmte gleich auf Seite eins nun ein Postbote statt eines Briefträgers die Treppe statt der Stiege hoch statt hinauf. Und zwar im Pongau.
Das ist, zugegeben, ein extremes Beispiel, aber neben dem unterstützenden Lektorat gibt es gar nicht so selten werkschädigende außerliterarische Interessen, die sich Autoren nur deshalb gefallen lassen, weil sie essen müssen.
Apropos Autoren und essen. Der schwedische Ableger der Piratenpartei sitzt seit heuer im EU-Parlament. Vergönnt man sich das Parteiprogramm der österreichischen Parteifreunde, wird man im Kapitel Urheberrecht belehrt, daß dieses einst auch entstand, um den Forderungen des Schaffenden nach Anerkennung und Vergütung Rechnung zu tragen. So weit, so gut, auch wenn auf den Schutz der Werkgestalt vergessen wurde.
Da aber die Industrie das Urheberrecht mißbrauche, sollten kulturelle Ausdrucksformen und Wissen für jeden zu gleichen Bedingungen frei zugänglich sein. Das käme der gesamten Gesellschaft zugute. Und die künstlerischen Urheber? Viele von ihnen würden ihr Geld ohnehin nicht mehr in erster Linie durch ihr Schaffen verdienen, sondern durch Merchandising und Werbung. Als Beispiel wird Britney Spears angeführt und ihr 100-Millionen-Euro-Vertrag für eine Pepsi-Kampagne. Punkt.
Wo politische Befreiungsbewegungen so argumentieren, ist kein Platz für speckige Ledertaschen. Die Geringschätzung des Autors, der Integrität des Werkes und des geistigen Eigentums hat fraglos zugenommen. Der Urheber, formuliert Daniel Kehlmann zugespitzt, habe, lebend oder tot, dem Starregisseur nicht dreinzureden. Daß die Problematisierung dieser Sachverhalte reaktionär sein soll, verstehe, wer will. Ich will nicht.
Ludwig Laher lebt als Freier Schriftsteller in St. Pantaleon. In diesem Monat erscheint sein neuer Roman „Einleben“ bei Haymon.









