
Konrad Paul Liessmann
erben und bewältigen
Die im Dezember veröffentlichten Ergebnisse der Pisa-Studie waren nicht wirklich überraschend. Österreich war und ist kein Bildungsmusterland. Natürlich ist es verwunderlich, dass ein Land mit solch einem katastrophalen Bildungssystem seinen ökonomischen Spitzenplatz auch in Zeiten der Krise behaupten konnte und nach wie vor eine weit geringere Jugendarbeitslosigkeit aufzuweisen hat als der EU-Durchschnitt, aber mit Wundern muss man leben. Ob es zwischen den Pisa-Testergebnissen und der realen Potenz einer Gesellschaft die unmittelbaren Zusammenhänge tatsächlich gibt, die bei jeder Aufregung um schlechtes Abschneiden unterschwellig behauptet werden, bleibe lieber dahingestellt - niemand will ja die Profite und Profiteure der Testindustrie in Frage stellen. Aber abgesehen davon, liefert der Pisa-Test immer auch interessante Hinweise auf die geistige Verfasstheit eines Landes - weniger durch das, was Pubertierende können oder nicht können, als vielmehr dadurch, wie Erwachsene und Verantwortungsträger darauf reagieren. Und dies jenseits der Frage, ob man mit Gesamtschule + Individualförderung oder einem differenzierten Schulsystem + Individualförderung + Durchlässigkeit oder durch Privatschulen für alle auf diese Misere reagieren will, sondern rein auf das bezogen, was der Pisa-Test diesmal schwerpunktmäßig testete: die Lesekompetenz.
Was liest also ein kompetenter Leser, wenn er die Stellungnahmen der verantwortlichen Bildungspolitiker liest. Zum Beispiel Reaktionen und Analysen, in denen es heißt, dass in Österreich Bildung offenbar "vererbt" werde. Damit wird die hinlänglich bekannte Tatsache beschrieben, dass es der österreichischen Schule offenbar nicht gelingt, die etwas abschätzig so genannten bildungsfernen Schichten näher an die Bildung heranzubringen. Dass damit Bildung gleichsam vererbt werde, suggeriert aber ganz etwas anderes: Die Schichten, die im Besitz der Bildung sind, hüten diese offenbar wie einen Schatz, geben sie nur an ihre Kinder weiter und lassen andere nicht an sie ran. Man spürt die alten Vorurteile gegen das längst nicht mehr existente Bildungsbürgertum. Und man muss aufpassen, dass man nicht in einer Verkennung der Lage jenen Eltern, die selbst noch lesen und diese Lust an ihre Kinder weitergeben, daraus nun einen Vorwurf macht. Aber nein, so war es natürlich nicht gemeint, sondern vielmehr, so die Präzisierung, gilt in Österreich die "Herkunft" mehr als die "Begabung". Das hat aber mit Vererben nichts zu tun, sondern würde - falls dieser Vorwurf stimmt - bedeuten, dass österreichische Grund- und Hauptschullehrer die ihnen anvertrauten Kinder nicht nach ihren Leistungen fördern, fordern und beurteilen, sondern nach ihrer sozialen Herkunft. Und es würde bedeuten, dass diese - an den vielgerühmten Pädagogischen Akademien ausgebildeten - Lehrer Talente bei Kindern aus prekären sozialen Verhältnissen entweder nicht erkennen oder bewusst ignorieren. Wenn das gemeint war, ist allerdings nicht mehr klar, warum sich diese Haltung ändern sollte, wenn eben diese Lehrer in einer Gesamtschule unterrichten. Aber wahrscheinlich war es auch so nicht gemeint, und niemand würde den Lehrern diesen Vorwurf machen. Was aber heißt dann "vererbt"?
Man kann aber auch anderes lesen. Darauf angesprochen, dass die Schüler, die jetzt so schlecht abschneiden, ihre Grundkompetenzen in einer Zeit hätten erwerben müssen, in der Elisabeth Gehrer die zuständige Ministerin war, sagte die Wissenschaftsministerin, dass man jetzt keine "Vergangenheitsbewältigung" betreiben solle, sondern in die Zukunft blicken müsse. Das ist nun wirklich eine interessante Formulierung. Der Terminus "Vergangenheitsbewältigung" wurde und wird - umstritten genug - dafür verwendet, um politischen Gemeinschaften die Auseinandersetzung mit einer durch gravierende Verbrechen gegen die Menschlichkeit geprägten Vergangenheit nahezulegen. Entweder also hält die Ministerin die Taten ihrer Vorgängerin für Verbrechen, an die man aber lieber nicht erinnern soll, oder es war nur so daher gesagt. Wir wollen weder das eine noch das andere annehmen. Sondern gemeint war offensichtlich folgendes: Was immer in der Bildungspolitik in den vergangenen Jahren auch falsch gemacht wurde, wir wollen dafür niemanden verantwortlich machen. Das ist natürlich ein Standpunkt, den man vertreten kann, auch wenn man in anderen Bereichen damit kaum durchkäme -sowohl im privaten Leben als auch im Bereich des Rechts bedeutet Verantwortlichkeit, dafür einzustehen, was man getan hat und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu tragen. Jetzt mag es ja sein, dass dies für die Politik nicht gilt. Warum aber, so muss man sich dann fragen, sprechen die zuständigen Funktionsträger dann immer davon, dass sie bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen, und dass sie keinesfalls gewillt sind, sich aus der Verantwortung zu stehlen? Natürlich kann man einen Minister nicht persönlich dafür haftbar machen, was seine Reformen angerichtet haben, wahrscheinlich nicht einmal die Partei oder die Lobbys, deren Programm oder Empfehlungen er exekutiert hat. Aber wäre es dann nicht besser, damit wir nicht immer etwas lesen müssen, was gar nicht da steht, das, was auch immer als Reaktion auf den Pisa-Test nun an Reformen oder Nichtreformen in Gesetzesform gegossen wird, mit dem ministeriellen Zusatz zu versehen: Für die Resultate dieser Reform übernehmen wir selbstverständlich keine Verantwortung?
Konrad Paul Liessmann, geb. 1953 in Villach, Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Wien, Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Zahlreiche wissenschaftliche und essayistische Veröffentlichungen zu Fragen der Ästhetik, Kunst- und Kulturphilosophie, Gesellschafts- und Medientheorie, Technikphilosophie, Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts.









