So 01 Aug 2010

Klaus Nüchtern

Was haben Typen wie ich eigentlich für Interessen?

 

Politiker haben einen Scheißjob. Ständig müssen sie Texte lesen, die sich irgendeiner staubtrockenen Materie widmen und in ebensolchem Deutsch verfasst sind; sie müssen die geistlos stereotype Rhetorik des politischen Gegners über sich ergehen lassen; alle paar Jahre müssen sie Wahlkampf betreiben und dabei wider besseres Wissen so tun, als hänge das Wohl der Welt davon ab, dass ihre Partei möglichst viele Stimmen lukriert; und für all das ziehen sie sich auch noch die wohlfeile Verachtung weiter Kreise der Bevölkerung über „die da oben“ zu, die ohnedies nur ein Interesse kennten - das eigene.
Das „Interesse“ ist allerdings ein interessanter politischer Begriff. Als ich während meiner Studienzeit beim Verband Sozialistischer Studenten war (der hieß damals tatsächlich noch so), gab es in diesem noch Leute, die über die „objektiven Interessen“ der Arbeiterklasse bescheid wussten. Und unter diesen wiederum befanden sich auffällig viele Linzer. Ob sie alle einen Verwandten bei der Vöest hatten, weiß ich nicht, das wäre aber auch gar nicht notwendig gewesen, denn den objektiven Interessen der Arbeiterklasse mangelte es natürlich oft an der subjektiven Einsicht der Arbeiterklasseangehörigen, und darauf, dass die objektiven Interessen von der Gewerkschaft vertreten worden wären, konnte man sich ohnedies nicht verlassen, eher im Gegenteil.
Interessen sind Substanzen, denen man mitunter schwer habhaft wird. Zum einen gelten sie als ein bisschen obszön, so, als wäre es irgendwie edler, keine zu haben; zum anderen sind sie tief in der Vorstellung verankert, die man sich gerade hierzulande von Politik macht. Klassenkampf auf österreichisch sah so aus: Die Kapitalisten haben ein Interesse, den Werktätigen möglichst viel Arbeitskraft für möglichst wenig Geld abzupressen; und die Arbeiter wollen möglichst viel in der Lohntüte haben; weswegen bei Lohnverhandlungen unrealistisch hohe Forderungen gestellt werden, deren mehr oder weniger zart verfehlte Erfüllung dann als Verhandlungserfolg gefeiert wird. Man nennt das Interessensausgleich.
Manchmal frage ich mich, was eigentlich Typen wie ich für Interessen haben - politisch betrachtet. Immerhin führt meinesgleichen im Großen und Ganzen eine extrem privilegierte Existenz in einem der privilegiertesten Winkel dieser Welt. Solche Leute, die gewiss mehr oder, besser, ganz anderes zu verlieren haben als ihre Ketten, sind als Speerspitze der Revolution nur bedingt tauglich. Sie müssten eigentlich ein Interesse daran haben, dass alles beim Alten bleibt. Und doch schimpfen immer alle auf die depperten Politiker: auf die verlogenen Christlichsozialen, auf die verfetteten Sozialdemokraten, auf die verschnarchten Grünen und auf die verschissenen Rechten sowieso.
Was müsste die Partei, die die Interessen von unseresgleichen vertritt, eigentlich verhindern oder durchzusetzen trachten? Erbschafts- und Vermögenssteuer müssten gering gehalten, die Fahrradwege verbreitert, das Kleingewerbe auf dem Sektor der Umhängetaschen großzügig gefördert und der Zuzug für Biolebensmittelhändler aus aller Welt großzügig gestaltet werden. Ach ja, und die Ausbildung für unsere Kinder dürfte - von der Kinderkrippe über den Kindergarten und Volks-, Mittel- und Hochschule bis zu postgradualen Studienplätzen in Übersee - nur die allerbeste sein. Denn spätestens seitdem die Pisa-Studie den Status des Delphischen Orakels eingenommen hat, neigt man in unseren Kreisen ja stark dazu, Zeugungsanstrengungen überhaupt erst dann zu unternehmen, wenn zumindest ein adäquater Kindergartenplatz gesichert werden konnte. Wie ja überhaupt die elterliche Sorge am besten dazu taugt, Klassenegoismen zu maskieren: Es ist ja bloß für die Kinder - wir selbst könnten auf das Haus am Land locker verzichten.
Wer einen lukrativen Job und vielleicht ein bisschen was auf der Kante hat, für den ist Gesinnung gratis. Der kann gut für das Bleiberecht von akzentfrei Oberösterreichisch sprechenden Ausländern und ein bisschen halbherzig auch für die Gesamtschule sein. Für die Restitution jüdischen Kunstbesitzes sind wir sowieso - Schiele- und Klimt-Gemälde haben wir ja keine im Wohnzimmer hängen, schließlich sind wir nicht reich, sondern allenfalls mittlerer Mittelstand.
Soweit, so polemisch, so eindimensional. Denn die Vorderseite der Medaille ist, dass Menschen, denen es ziemlich gut geht, durchaus ein Interesse daran haben können, dass es anderen, denen es ziemlich schlecht geht, besser gehen möge - und sei‘s bloß, um den eigenen Wohlstand mit besserem Gewissen genießen zu können. Tatsache ist, dass Typen wie ich ständig Parteien wählen, die unsere Interessen keineswegs eins zu eins vertreten, jedenfalls dann nicht, wenn man diesen irgendeine „Objektivität“ unterstellt. Und vielleicht liegen die Ursachen eines Unbehagens an der Politik (um das Schlagwort der Politikverdrossenheit zu vermeiden) ja eben weniger darin, dass sie die Interessen derer, die sie angeblich vertritt, verfehlen würde, sondern dass sie überhaupt nur noch - ökonomistisch verkürzte - Interessen zu formulieren in der Lage ist. Und dass die mobilisierende Kraft von Begriffen wie „Sozialtransferkonto“, „Hacklerregelung“ oder „Finanzlastenausgleich“ geringer ist als die von „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ ist ja ganz gut nachvollziehbar.

Klaus Nüchtern leitet das Feuilleton der Wiener Stadtzeitung Falter, wo seine wöchentliche Kolumne „Nüchtern betrachtet“ erscheint, die auch in Buchform publiziert wird - zuletzt „Ok ist eh ok“. 2009 wurde er mit dem Preis der Stadt Wien für Publizistik ausgezeichnet.




NEWS

16.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

16.05.Linzfest 2012
"Weltmusik 2.0" von 26. bis 28.5. im Donaupark

11.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

11.05.Fresh Entries Posthof-Programm
Hollywood Improshow, Retro Metal Overdose, Hader spielt Hader, Calexico

04.05.MUSIC@POSTHOF
Die Posthof-Sendung auf Radio FRO!

SPECIALS

POSTHOF 2.0

facebook twitter youtube myspace

Die Posthof Mobile App!

Available on the iPhone App Store Available in the Android market