
KARL-MARKUS GAUß
Kürzlich drehte ich unvorsichtigerweise den Fernseher an, als im allseits geschätzten Kanal 3-Sat gerade eine Kultursendung lief. Der als redlicher Intellektueller und flinker Denker gerühmte Moderator Gerd Scobel stellte die wichtigsten Bücher der Saison vor. Glaubt man dem Moderator, der drei Bücher von Moderatoren und TV-Korrespondenten präsentierte, werden die wichtigsten Bücher von lauter Mitarbeitern des Fernsehens geschrieben. Ich würde ja eine Unvereinbarkeitsklausel im Literaturgewerbe einführen. Gefrieser, die man schon aus anderen Gründen vom Bildschirm und aus der Regenbogenpresse kennt, dürfen keine Bücher veröffentlichen. Wir würden uns die Memoiren von dreißigjährigen Schauspielerinnen ersparen, die erotischen Romane von fünfzigjährigen, die späten Etüden von siebzigjährigen, die es auch einmal mit dem Schreiben aufnehmen wollen; die Bußpredigten geschasster Politiker, die lyrischen Ergüsse von Nachrichtensprechern und die esoterischen Ratgeber von Wetterfröschen. Das würde die Überproduktion an Büchern drosseln und die Büchersendungen im Fernsehen wieder sehenswert machen. Nur, warum sollte der Moderator eines Kulturjournals Bücher vorstellen, die nicht von Kollegen stammen? Mit Recht kann er mittlerweile sagen, dass es ihm dabei keineswegs um unlauteren Wettbewerb oder schamlose Protektion gehe. Nein, er darf tatsächlich fürchten, dass das Publikum der Kultursendungen inzwischen schon so gut erzogen ist, dass es sich für nichts anderes mehr interessiert als für das, was es schon kennt. Darum die Häufung von Gesichtern, die zunehmend spartenübergreifend präsent sind: Fernsehköche, die in den nächtlichen Talkshows über die Krise des Pensionssystems schwadronieren und mit Schauspielern von endlosen Serien Bücher über die hohe Kunst des Lebensgenusses schreiben.
Unbelehrt, versuchte ich es ein paar Tage später mit der Bücherschau eines anderen Senders und geriet in einen langen, aus der Perspektive von Model-Adoranten gerfertigten Bericht über eine TV-Moderatorin namens Eva Hermann, die auch ein Buch geschrieben hat; und zwar eines, in dem sie sagt, Frauen sollten sich nicht so sehr um ihre berufliche Karriere als ihre Kinder kümmern. Eva Hermann, die 18 Jahre Nachrichtensprecherin im ARD war, ganz ohne sich dabei um ihre berufliche Karriere gekümmert zu haben, und die nun eine zweite macht, indem sie als Autorin davor warnt, sich um eine zu kümmern, hat zwar ein paar reaktionäre, aber keine eigenen Gedanken; das macht aber nichts, denn sie erweist auch eine schöne Unfähigkeit darin, die Gedanken, die ihr abgehen, in Sprache zu fassen. Was Wunder, dass das Buch landauf, landab überall besprochen wird und binnen zwei Wochen die Auflage von 100.000 schon überschritten war!
Über zwanzig Jahre lang habe ich mich nicht nur als Autor, sondern fleißig auch als Literaturkritiker betätigt. Heute muss ich erkennen, dass der literarischen Kritik in dieser Zeit nahezu alle Maßstäbe verloren gegangen sind. Da werden Bücher in den Himmel gelobt, die in der Sprachlosigkeit grundeln, Autorinnen und Autoren bejubelt, die nachweislich nicht nur unbegabt sind, sondern auch schlampig, schludrig, unbedarft zu Werke gehen und deren Talente also andere als jene sein müssen, die früher zur Schriftstellerei vonnöten waren. Eines dieser Talente ist die Bereitschaft, der Öffentlichkeit verfügbar zu sein.
Eine Autorin, die fortwährend irgendwo präsent ist, indem sie sich präsentieren
lässt, und neuerdings in allen -möglichen Zeitungen zitiert und belobigt wird, heißt Tanja Dückers. Von ihr sei hier nur als von einem Beispiel die Rede. „Der längste Tag des Jahres“ ist ihr neuer Roman betitelt, dessen Lektüre ich nach fünf, mehrmals gelesenen Seiten abbrechen musste. In jedem Satz ein, zwei grobe stilistische Schnitzer. Deutschland hat endlich wieder eine gute Fußballnationalmannschaft, dass deswegen aber auch die Schriftstellerinnen beginnen, mit den Füßen zu schreiben, ist bedauerlich.
Was man so alles auf der ersten Seite eines Buches zusammenschreiben kann: „...das Telefon stand noch nicht, wo es später einmal stehen sollte.“ Warum sollte? Seit wann sollen, dürfen, müssen Dinge etwas? „Für fünf Sekunden stand die Frage im Raum.“ Natürlich, ehe sie niedersinken, müssen sie zuerst blöd im Raum herumstehen, die Fragen. Ein „Hallo“ wird bei Dückers dafür als „ziemlich atemlos“ charakterisiert: Das Kunststück, dass jemand bei einem einzelnen Wort schon atemlos klingt, beherrscht nicht jeder. Das alles geschieht in einem Sommer, „der der heißeste seit hundert Jahren werden sollte“. Schon wieder wird einer nicht nur was, er soll es auch. „Selbst in Skandinavien schien ununterbrochen die Sonne“. Totale Mittsommernacht den ganzen Sommer ununterbrochen hindurch. Solches Geschreibsel, das in jedem Maturaaufsatz rot angestrichen würde, rühmt Die Weltwoche am Umschlag mit dem Worten: „Tanja Dückers erzeugt einen Erzählsog, dem man sich nicht entziehen kann.“ Für Allerweltsphrasen wie diese bringt man es heute als Rezensent zuverlässig auf den Buchumschlag; und das ist auch schon das edelste Ziel, das sich die meisten Literaturkritiker heute setzen.
Karl-Markus Gauß wurde 1954 in Salzburg geboren, wo er als Essayist, Kritiker und Herausgeber der Zeitschrift „Literatur und Kritik“ lebt. Gauß erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik. Veröffentlichungen (Auswahl): „Ritter, Tod und Teufel“ (1994), „Die sterbenden Europäer“ (2001), „Mit mir, ohne mich“ (2002), „Von nah, von fern“ (2003), „Die Hundeesser von Svinia“ (2004).









