
HENRY MASON
Ich muss gerade viel an unbeschriebene Blätter und an Optimismus denken: nicht nur, weil ich meine Deadline für diese Zeilen bis zuletzt ausgereizt habe. Ich übernehme mit nächster Spielzeit die künstlerische Leitung des u\hof: theater für junges publikum am Linzer Landestheater und beginne mit einer neuen Bühnenfassung des Romans „Candide, oder der Optimismus“ (1759) von Voltaire (für alle ab 14). Voltaires Held, oder Antiheld, Candide, ist zu Beginn des Romans das sprichwörtliche unbeschriebene Blatt, anders gesagt: Er hat von Tuten und Blasen keine Ahnung. Nur daher ist es verständlich, dass er die dämlichen philosophischen Grundsätze seines Lehrers Pangloss so bedingungslos vertritt, der da behauptet, alles in dieser Welt sei dem Menschen zum Wohle erschaffen, alles sei gut in dieser besten aller möglichen Welten.
Mit Genuss belehrt Voltaire seinen unbeleckten Helden eines besseren, indem er ihn bis zur letzten atemlosen Seite seines Romans von einer Katastrophe in die nächste jagt, vom Regen in die Traufe und wieder in den Regen, nur diesmal ohne Schirm. Hier wird nichts ausgelassen: Erdbeben, Verbrennung durch die Inquisition, Kannibalismus, Betrug, Prostitution, Menschenhandel, Schiffbruch, Vergewaltigung, Mord, und und und. Dabei ist Candide immer mit der Frage konfrontiert, wie man in einer Welt, die so schauderbar, so durch und durch verdorben und gemein ist, ein glückliches Leben führen soll. Schließlich finden er, seine ehemals begehrenswerte, nun aufgedunsene Braut Kunigunde und seine anderen Reisebegleiter - nun ja, nicht zum großen Glück, aber zumindest zu einer Art Zufriedenheit oder Seelenfrieden, und zwar im Brotbacken und im Holzhacken, in den einfachen, alltäglichen und notwendigen Dingen des Lebens.
Der letzte Satz des Romans ist berühmt geworden: „Il faut cultiver son jardin“, wir müssen unseren Garten bebauen, antwortet Candide auf das philosophische Geschwafel des Pangloss. Ob dieser Lebensentwurf tatsächlich der Weisheit letzter Schluss ist, bleibt dahingestellt. Allein auf Voltaires Empfehlung hin würde ich mich jedenfalls nicht ins Landleben stürzen: Auch den paradiesischsten Garten plagen Schädlinge. (Und demnächst fangen diese verdammten Gräser wieder zu blühen an.) Trotzdem. „Il faut cultiver son jardin“: Das hat schon was, dieser abgeklärte, reflektierte Optimismus, der zum blinden, ja bisweilen tödlichen Optimismus des Pangloss im scharfen Widerspruch steht.
Ich glaube, dieses groteske Lehrstück über die Grausamkeit der Welt wird nicht nur, weil es darin vor sex and violence nur so strotzt, ein gutes Jugendstück abgeben, sondern vor allem, weil mich die Frage nach dem glücklichen Leben in einer grausamen Welt seit der Pubertät begleitet, und ich bin da nicht allein. Die vielfältige Grausamkeit unseres irdischen Daseins ist eines der großen Themen der Menschheit, und daher der Kunst.
Seit Jahren beschäftigt mich die Frage, wie ich in meinem Medium, dem Theater, dieser Grausamkeit begegnen sollte. Vermutlich ist das eine ähnliche Frage, wie: Kann Theater politisch sein? Brecht-geschult ließ ich mich hier eine Zeitlang von der Sehnsucht irreleiten, mit meinen Arbeiten Veränderungen im menschlichen Zusammenleben, im gesellschaftlichen Bewusstsein schaffen zu wollen: eine richtiggehend Candidesche Anmaßung! Und eine Fehleinschätzung des Mediums an sich, dessen Stärke, dessen einzige Überlebenschance das unmittelbare Geschichtenerzählen ist.
Menschen kommen zusammen, um anderen Menschen Geschichten zu erzählen, das ist Theater. Ist natürlich auch politisch, im ursprünglichen Wortsinn: Es rückt die Fragen unseres Zusammenlebens in die Mittelpunkt. Wir erzählen einander, und vielleicht verändern wir uns auch dabei. Vielleicht sehen wir etwas, das uns unsichtbar gewesen war; vielleicht haben wir Tränen vergossen, um etwas, das wir verloren haben; vielleicht sind wir um ein paar Illusionen ärmer und ein paar
Hoffnungen reicher; vielleicht haben wir herzlich lachen dürfen. Im besten Fall jedoch haben wir gesehen, gehört und erlebt, wie sich Menschen wie wir der Willkür des Lebens, den Grausamkeiten anderer und ihrer eignen Angst gestellt und überlebt haben. Das mag für uns im Publikum komisch oder tragisch oder (wieder im besten Fall) beides gewesen sein, aber der Kern der Sache sieht immer gleich aus. Der Essayist G. K. Chesterton hat geschrieben, Märchen seien „mehr als wahr; nicht, weil sie uns erzählen, dass es Drachen gibt, sondern weil sie uns erzählen, dass Drachen besiegt werden können“. Meint Candide am Ende seiner Geschichte etwas Ähnliches? Ja, die Welt ist grausam, aber ich habe alles überstanden, was sie an Miseren zu bieten hatte, ich bin nach wie vor hier, am Leben; und jetzt muss ich den Garten düngen gehen. Jetzt, wo es Frühling wird, stimmt mich der Gedanke richtig optimistisch. Auch wenn bald wieder die verdammten Gräser blühen.
Henry Mason ist Regisseur, Schauspieler und Autor, designierter Leiter des u\hof: theater für junges publikum am Landestheater Linz und Gründer des Shakes-peareprojekts „His Majesty’s Players“, dessen neue Produktion „komødie der irrungen“ ab 12. April am Theater Phönix zu sehen sein wird (www.hmplayers.net).









