Mi 01 Okt 2008

EVA ROSSMANN

von meinungsgeforschten hochglanzprodukten und politikermenschen

 

In letzter Zeit scheinen mir Politiker - auch Politikerinnen - immer häufiger auszusehen wie aus einem Katalog. Vielleicht gibt es sie längst, diese Kataloge. Je nach Geschmack und ideologischer Ausrichtung: Einen für braungebrannte Volksdümmler, abwechselnd in Tracht und Designer-Outfit abgebildet, mit beigelegter CD samt inländischem Song für alle, die Schauen zu sehr anstrengt. Einen für das klassische Politiker-Modell der untermittelgroßen nicht übergewichtigen unfärbigen (dieser Katalog lässt sich sparsamerweise auch in schwarz-weiß drucken, man merkt den Unterschied zum färbigen kaum) Konservativ-Konserve, bei der man so nett raten kann, ob es sich um einen zu rasch gealterten Vierzigjährigen oder um einen ganz gut erhaltenen Siebzigjährigen handelt - Alterslosigkeit, die gar zu gern mit Erfahrung verwechselt wird. Einen für Sandkastenfreundchenschaften, zum Auswählen mit bunten Hemdsärmeln samt Fettnäpfchenflecken, der „seht-her-ich-bins-noch-immer“-Typ, oder eher erstaunt nadelgestreift und mit einem Gesicht, als hätte ihm jemand eine reingehaut, damit er nicht so gefährlich strahlt. Garniert durch Frauenfiguren, in denen Hausmeisterinnen und Handarbeitslehrerinnen nachempfundene Schaustücke in Kleidung posieren, die nicht einmal ihre Putzfrauen tragen wollten. Und schließlich einen für vielfältig Andere, die trotzdem mit erstaunlicher Einfalt wirken wie die Transformationsprodukte aus Mittelschullehrern und Mitgliedern einer gereiften Hippiekolonie, die einander zufällig auf einem Ausflug ins bessere Leben begegnet sind.

Wie solche Kataloge zustande kommen? Natürlich durch Meinungsforscher und jene, die ihnen ab einem Sample von zwei Befragten glauben, und daher andere mit missionarischem Eifer dazu bringen wollen, sich so zu verhalten, wie es „die Menschen“ von ihnen wollen. Jetzt könnte man weiter fragen: Wer folgt solchen Naivlingen, die Meinungsforschern glauben - aber in einer Umgebung, wo man sonst kaum jemandem glauben kann, geht das vielleicht doch ziemlich einfach.

Vor kurzem saß ich mit Freunden beim Heurigen und einer sagte über das Spitzenexemplar eines dieser Politiker-Kataloge: „Aber privat ist er sehr nett.“ Erstaunlich wie oft ich derartiges in den letzten Jahren gehört habe. Böse, auch wenn es nie so gemeint ist. Dieses Auseinanderdriften von privater und öffentlicher Existenz ist ja nichts anderes als eine politische Sonderform der Schizophrenie, und sie kann wie andere Fälle von multiplen Persönlichkeiten zwar ganz interessant, nie aber wirklich gesund sein. Anzeichen erkennen aufmerksame Zuhörer, wenn Politiker beginnen, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen: „Der Landeshauptmann hat immer schon ...“, sagt der Landeshauptmann. „Die Ministerin steht zu ihrem ...“, spricht die Ministerin. Aber privat ... wirklich nett. Privat, so traue ich mich zu behaupten, gibt es niemanden, der nicht irgendwann einmal nett wäre.

Ich mache mir freilich keine Sorgen, dass unsere meinungsbeforschten Katalogexemplare zu schizophrenen Massenmördern werden. Ich mache mir vielmehr Sorgen um sie selbst. Kann ja nicht so einfach sein, sofort von der einen auf die andere Existenz umzuschalten. Vielleicht sehen sie deswegen nicht besonders glücklich aus. Man hat ihnen das Selbst-Bewusstsein geklaut und so müssen sie das tun, womit sie bei „der Mehrheit“, „dem Wähler“, „der Zielgruppe“ punkten.

Vor kurzem ist Alt-Kanzler Sinowatz gestorben. Über ihn ist viel gelacht worden, er war uns allen zu nahe. Als ich ganz jung im Bundeskanzleramt gearbeitet habe, sind wir häufig mit demselben Lift gefahren. Wenn er nicht den vorderen, repräsentativen, nehmen musste, ging Sinowatz gerne in den Hof und nahm den kleinen, der deutlich näher zu den Kanzlerräumen liegt. Wir grüßten uns, ich glaube, wir lächelten einander sogar zu. Irgendwann einmal wurde ich als Referentin für medienpolitische Angelegenheiten direkt zu ihm bestellt. Sein Sekretär (übrigens ein späterer ORF-Boss) hatte mein Papier nicht kapiert, also wollte Sinowatz selbst von dieser Amtsperson wissen, was man in Hinkunft mit Satellitenschüsseln tun sollte. Ich wurde in sein Zimmer geführt, er hat gemurmelt: „Ich wollt‘ Sie immer schon fragen, wer Sie sind.“ Er hat meine Unterlage sehr schnell begriffen und da noch Zeit bis zum nächsten Termin war, hat er dann einen Doppler aus dem Zimmer hinter seinem Zimmer geholt und wir haben aus den alten, kleinen Achtelgläsern einen hervorragenden Weißen aus seiner Gegend gekostet. Nicht dass jeder Bundeskanzler mit jeder Referentin ein Glasl trinken sollte, aber ich bin mir sicher, dass heute auch keiner mehr auf die Idee käme. Er hat sich hie und da sogar den Luxus erlaubt, gegen den wahrscheinlichen Willen der Mehrheit zu handeln und zu hoffen, dass im Laufe der Zeit nötige Reformen verstanden werden. Und als Sinowatz dann mit Marlene Charell getanzt hat war ich als Journalistin mit dabei. Er hatte eine Art gutmütig-bemühtes Staunen im Gesicht. Dass die mit ihm tanzt. Dass „seine Leute“ finden, er soll auf der Bühne das Bein schwingen. Kann schon sein, dass das ein Sündenfall in die Untiefen der Irrtümer von Massenmeinungseinflüsterern war, aber es war ein verzeihlicher. Und irgendwie ein liebenswerter. Fehler einer authentischen Person eben und nicht Output eines maingestreamten Meinungsforschungsproduktes, dessen Samplerechner dauernd überschnappt.

Nein, keine Nostalgie und schon gar keine nach den Nachkriegskaisern, die einfach ihre Meinung gepoltert haben und auch das schon für Politik hielten (die soll es übrigens auch heute noch geben ...). Es wäre nur einfach schön, wenn so mancher Politiker - ich hoffe da ja gerade auf die jüngeren Frauen, die noch zu „unwichtig“ sind, als dass man diese Sampleseligen auf sie losließe - etwas (wieder)-entdecken würde, dass ihm/ihr und auch uns Freude machen könnte: kritisches Selbst-Bewusstsein. Das soll ja angeblich auch helfen, sich nicht öffentlich vor Massensudelblättern auf den Bauch zu hauen. Dagegen - sorry, schon wieder Sinowatz - war Sinowatz‘ Tänzchen echt elegant.

Eva Rossmann, geboren 1962 in Graz, lebt im NÖ. Weinviertel. Verfassungsjuristin, politische Journalistin. Seit 1994 freischaffende Autorin und Publizistin. U.a. schreibt sie regelmäßig für das Gastromagazin „A la Carte“. Für ihr frauenpolitisches Engagement wurde Eva Rossmann im Jahr 2000 vom PR-Verband Österreichs zur „Kommunikatorin des Jahres“ gewählt. Eva Rossmann veröffentlichte zahlreiche Sachbücher. Seit 1999 hat sie ins Krimi-Fach gewechselt. In ihren Mira -Valensky-Krimis geht es um den schönen Schein - und was dahinter lauert. Bisher erschienen: Wahlkampf (1999), Ausgejodelt (2000), Freudsche Verbrechen (2001), Kaltes Fleisch (2002), Ausgekocht (2003), Karibik all inclusive (2004), Wein und Tod (2005); Verschieden (2006), Mira kocht (2007); Millionen Kochen (2007); Russen kommen (2008); alle bei Folio.




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