Mo 01 Mär 2010

EVA ROSSMANN

VON PROBLEMMENSCHEN MIT HUNDEN

 

Der bösartigste Hund, den ich je kennengelernt habe, war ein Yorkshire Terrier. Ohne besondere Vorwarnung, ohne Anlass ist er mich angefallen, hat versucht, sich in meine Fußknöchel zu verbeißen, hat mir in Null komma nichts die Strümpfe ruiniert. Die Besitzerin, eine Person, die ich nur deswegen nicht überdreht und hysterisch nennen möchte, weil es mich kränkt, dass dumme Klischees manchmal doch stimmen, hat etwas von „Zero ist soooo nervös, wir haben eine Baustelle beim Nachbarhaus“ geflötet. Ich war zu Gast und darauf aus, einen guten Eindruck zu machen. Die ganze Familie saß in der gewaltigen Wohnzimmerledergarnitur verteilt, stumm wie Dekorpuppen und neben mir der junge Mann, der mich mitgebracht hatte. Ich habe krampfhaft gelächelt und versucht, Zero mit der Hand von meinen Knöcheln wegzutauchen. Spitze Zähne in meinem Handrücken. „Böööser Hund“, sagte die Besitzerin und tat exakt gar nichts. Und erst als sie kurz den Raum verließ und keiner der anderen Anverwandten besonders auf mich achtete, gab ich dem Zwergköter einen raschen Tritt.
Okay, ich habe überlebt. Ich bin auch nicht für ein Totalverbot von Yorkshire Terriern. Aber das Viech, dem offenbar keiner Manieren beigebracht hat, zeigt: Bei gewissen Hunden (gar nicht unähnlich wie bei gewissen Kindern) liegt das Problem quasi am anderen Ende der Leine. Dumm nur, dass es auch aggressive Hunde über der Größe eines Meerschweinchens gibt. Dümmer, dass es gewisse Rassen gibt, die eigens für den Kampf gezüchtet wurden. Ganz dumm, dass diese Hunde vorwiegend zu Menschen gehören, denen es gefällt, wenn ihr Begleiter als gefährlich gilt. Halbwüchsige Türkenbuben mit zu viel Gold um den Hals und einem Mastiff an der Leine - Mann, das macht was her in der Gang. Reinrassig österreichische Siedlungsbewohnerinnen mit Pitbull, um sich vor den bösen Ausländern in ihrer engen Umgebung zu schützen - es hat schon einen Grund, warum sie keinen Dackel haben, obwohl sie vor allem davon reden, wie lieb ihr Hündchen sei, solange man es nicht reize. Angeber ohne die Chance auf einen Sportwagen - ein Staffordshire Terrier aus billigem Ostimport bringt auch eine gewisse Beachtung. Zuhälter mit Dogo Argentino - fast schon ein „Muss“ in der Branche, wenn man kein Weichei sein will.
Natürlich gibt es auch andere, die solche potentiell gefährlichen Hunde haben. Das sind dann Hundefreundinnen, die einen armen Hund mit enormer Beißkraft aus dem Tierheim holen, um ihm so viel Liebe zu geben, dass er zum Kampfschmuser wird. Oder es sind gänzlich naive Menschen, die gar nicht wissen, dass über sogenannte Kampfhunde diskutiert wird, dass die Rasse ihres Lieblings einst gezüchtet wurde, damit er in Hundekämpfen nicht aufgibt, sich so lange und trotz aller eigener Verwundungen in den Gegner verbeißt, bis er tot ist.
Aber: Gibt es - trotz ihrer Besitzer - nicht auch ganz liebe Pitbull Terrier? Sicher, aber erstens weiß ich das nicht im Vorhinein und zweitens kann ich mich ja auch irren. Mir ist klar, dass die meisten gefährlichen Hunde ihre Besitzer mögen und mit ihnen spielen und kuscheln. Aber, überspitzt gefragt: Lieben nicht auch die meisten Mörder ihre Mutter, ihre Schwester?
Tierexperten versichern, dass man eben die Verhaltensweisen eines Hundes besser kennen müsse, um seine „Aggressionsschwelle“ nicht Richtung Null zu senken. Es gäbe eben Territorialverteidigung und Nahrungsverteidigung und Rangordnungsspiele, und, und. Schon in der Schule sollten Kinder lernen, wie ein Hund tickt. Ohnehin keine üble Idee, mit allen Lebewesen in unserer Umgebung besser umgehen zu lernen. Aber: Ist es dem Nicht-Hundefreud zuzumuten, dass er die Verhaltensweisen so eines Viechs kennt, damit er sich gegebenenfalls vielleicht vor einem Angriff schützen kann? Ist ein Kind (oder sind dessen Eltern) selbst schuld, wenn es einem Mastiff überraschend mit der Hand Richtung Schnauze fährt und angefallen wird?
Jetzt gibt es ja Vorstöße, für potentiell gefährliche Hunderassen einen sogenannten „Hundeführschein“ verpflichtend einzuführen. In Niederösterreich ist das schon Gesetz, samt der Auflage, dass für diese Rassen die zehnfache Hundesteuer zu zahlen ist. Der „Hundeführschein“ ist sicher besser als gar nichts. Aber bekommt dann kein Türken-Möchtegern-Macho mehr einen Pitbull? Keine Siedlungskampfhenne einen Staffordshire? Kann ich mir kaum vorstellen. Ich fürchte, in erster Linie wird die zehnfache Hundesteuer übrig bleiben. Und die ist dann wieder eine Prestigesache. Insgesamt wäre es mir lieber, wenn Problemmenschen gar keine Chance auf gewisse Risiko-Hunderassen hätten. Das geht eben nur durch ein Totalverbot von Zucht und Verkauf. Dazu wünsche ich mir dann einen überwachten Hundeführschein samt zwingender Hundeausbildung für absolut alle Hunde. Auch damit es nicht allzu leicht ist, andere Rassen auf „scharf“ zu trimmen. Auch, damit Menschen den Umgang mit Yorkshire Terriern üben. Dann hätte der schicke Zwergwolf namens Zero vielleicht gelernt, wo sein Platz im Rudel ist. Und mit Glück hätte die Tussi gelernt, was ein Hund braucht, um gut und glücklich mit Menschen zu leben. Und dann hätte ich gern noch einen Pudel, der den Gang-Leader an die Leine nimmt und versucht, aus dem Problemmacho einen für Hund und Rest der Welt verträglichen Zeitgenossen zu machen. Wuff.

Eva Rossmann, geboren 1962 in Graz, lebt im NÖ. Weinviertel. Verfassungsjuristin, politische Journalistin. Seit 1994 freischaffende Autorin und Publizistin. U.a. schreibt sie regel–mäßig für das Gastromagazin „A la Carte“. Für ihr frauenpolitisches Engagement wurde Eva Rossmann im Jahr 2000 vom PR-Verband Österreichs zur „Kommunikatorin des Jahres“ gewählt. Eva Rossmann veröffentlichte zahlreiche Sachbücher. Seit 1999 hat sie ins Krimi-Fach gewechselt. In ihren Mira-Valensky-Krimis geht es um den schönen Schein - und was dahinter lauert. Bisher erschienen: Wahlkampf (1999), Ausgejodelt (2000), Freudsche Verbrechen (2001), Kaltes Fleisch (2002), Ausgekocht (2003), Karibik all inclusive (2004), Wein und Tod (2005); Verschieden (2006), Mira kocht (2007); Millionen Kochen (2007); Russen kommen (2008); alle bei Folio.