
EUGENIE KAIN
Erregungen
Merkwürdige Gegenwart mit bemerkenswerten Geschichten zum Jahreswechsel. Wirtschaftskrise ist auch. Nur: der Erregungspegel wurde konstant hochgehalten mit Kussverbot in der Hauptschule. Kreuzpflicht im Kindergarten und Adventkranzbrauchtumsmissbrauch durch 5. Kerze. Es war dann alles nicht so wie es gesagt und geschrieben und gemeint wurde. Verkürzt dargestellt halt und falsch kommuniziert. Aber man hat darüber geredet und geschrieben, Meinung abgegeben, Meinung abgeben müssen und Meinung gebildet. Einen "Schas im Wald" hätte man das früher genannt und das Thema gewechselt. Das ist nicht mehr möglich, weil überall warme Luft ausgestoßen wird.
Diese Art von Erregungen wird uns auch im neuen Jahr auf die eine oder andere Art unter Strom setzen. Zum einen ist Kulturhauptstadtjahr zum anderen regionales und überregionales Wahljahr. Die politische Kultur ist zur Unkultur verkommen. Es wurde so lange "hart formuliert" und "leider falsch kommuniziert", bis alle Empfindungen des Anstands getilgt waren. Und prompt hat auch das Wort pietätlos einen Bedeutungswandel erfahren. Beleidigen, Denunzieren und Lügen sind Mittel im Werkzeugkasten politischer Auseinandersetzung und werden ohne Skrupel eingesetzt.
ORF, "Qualitätszeitungen" und Boulevard machen mit und greinen Streit, Streit, Streit, wenn, was ohnehin selten genug ist, ideologische Differenzen sichtbar werden. Diskutieren darf man nicht, Meinungsverschiedenheiten haben darf man auch nicht und Diskurs ist etwas, das unverständliche Intellektuelle in den Neunzigern gesucht und nicht gefunden haben.
Die Welt kracht. Europa kracht. Österreich kracht. Aber Österreich soll, bitte schön, harmonisch krachen. Die Regierung soll nicht immer streiten. Nicht untereinander und nicht mit der Opposition. Keine Diskussion.
Keine Diskussion 40 Jahre nach 1968. Wegen der Kussverbots-, Kreuzpflicht- und Kranzmissbrauchsgeschichten ist dieses Jubiläum sang- und klanglos ausgelaufen. Nur mich hat sein Ruf noch erreicht.
"Scheiß-Hippie" hat mir kürzlich in der Straßenbahn ein junger Mann mit Rucksackschultasche bei der Station Goethestraße nachgerufen. Zur Zeit trage ich ein Tuch um den Kopf gewunden. Dass ich keine Muslima bin, ist meist nach dem ersten misstrauischen Blick klar. Beim Hippie scheint es nicht so eindeutig. Warum das Wort "Scheiß", kann ich nicht sagen. Nach einer Operation habe ich eine Delle im Kopf und eine Bestrahlung hat mir die Haare verschmort. Solange die Haare nicht so nachgewachsen sind, dass eine gestaltbare Frisur daraus wird, binde ich mir ein Tuch um die Stirn. Love and peace habe ich zu dem jungen Mann nicht gesagt. Ich habe ihm den Mittelfinger gezeigt.
Ich weiß, das tut man nicht, aber love and peace sagt man auch nicht mehr und irgendwie muss der Ärger raus.
In der Straßenbahn geht das in Ausnahmefällen gerade noch. In der Schule ist der erigierte Finger kein Kommunikationsmittel. Den Ärger meiner Tochter muss ich mir anhören. Es geht um das Thema Straßenschuhverbot im Klassenzimmer. Am Verbot selbst gibt es nichts auszusetzen. Der Schuhwechsel ist gut für die Füße und selbstverständlich gegenüber den Reinigungskräften. Allerdings fehlt eine eindeutige Definition des Hausschuhs. Was als Hausschuh getragen werden darf und was nicht, entscheidet letztendlich der Herr Direktor. Eine 17jährige will naturgemäß die Grenzen dieser Definition genau ausloten um nicht unstylisch in Filzlatschen durch die Gänge zu schlurfen. Tanzstiefel, wie sie im Ballett bei Folkloretänzen verwendet werden, mit Ledersohle und noch nie mit Asphalt in Berührung gekommen, sind keine Hausschuhe. Das sage schon das Wort "Stiefel", sagt der Herr Direktor, darüber wolle er gar nicht diskutieren. Jetzt hat ein als Gangaufsichtsorgan eingesetzter Professor ein kritisches Auge auf den zweiten Hauspatschenversuch der Tochter geworfen. Samtene Chinapatschen mit dünner, flacher Plastiksohle, wegen erhöhter Schweißproduktion eigentlich komplett fußuntauglich, straßentauglich höchstens im niederschlagsfreien Hochsommer. Aber nicht eindeutig als Hauspatschen erkennbar. Ich würde mir wünschen, in der Schulordnung würde eine allgemeine Vorschreibung mit Foto für einen Hausschuh enthalten sein, der dann für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend ist. Weil ich aber befürchte, dass als Ergebnis einer Hausschuhvorschreibung die Schüler und Schülerinnen zum Tragen der anscheinend allseits beliebten Croques verpflichtet werden könnten, habe ich von einer diesbezüglichen Anregung Abstand genommen. Stattdessen unterschreibe ich, dass ich zur Kenntnis genommen habe, dass der Schüler Katharina diese und jene Pflichten einzuhalten hat. Die Hand sträubt sich beim Unterschreiben, ich mache kein Fehlerzeichen an den Rand, ich korrigiere, nicht, ich füge nichts hinzu. Ich bin kein Oberlehrer. Ich unterschreibe. Meiner Tochter rate ich zum Kompromiss. Reg dich nicht auf, sag ich. Im Falle eines Konfliktes ziehst du in jedem Fall den Kürzeren. Zieh Ballettpatschen an.
Meine Kompromissbereitschaft kommt nicht gut an. Ich wisse nicht, wie es in der Schule zugehe.
Ich weiß, wie es in der Schule gewesen ist. In meiner Schulzeit. An Patschenverordnungen kann ich mich nicht mehr erinnern. Wird es wohl auch gegeben haben. Aber Referate haben wir gehalten, die ich heutigen Schülerinnen und Schüler nicht ans Herz legen möchte. Sie würden Schwierigkeiten bekommen. In Englisch hat ein Kollege über Jerry Rubin, Vietnamkriegsgegner und Politaktionist und seinen Appell Do it referiert. Kill your parents. Burn down your schools. Der Englischprofessor hat den Mund zweimal auf und zu gemacht und uns dann über Art des Vortrages und Inhalt diskutieren lassen.
Jetzt sind verbale Provokationen anderer Art satisfaktionsfähig geworden.
Unlängst im Kino. Burn after reading von den Coen-Brothers. Eine schwarze Spionagekomödie, hieß es in der Filmkritik. Und im Abspann ein Lied mit einer vertrauten Stimme. CIA Man .Tuli Kupferberg. Ein Song von der ersten Platte der Fugs. Im finsteren Kino war da plötzlich ein ganz heimeliges Gefühl und dann die Erkenntnis. Du bist ganz schön aus der Zeit. Fuck. Fuck. Fuck. Oder doch nicht? Von wegen Scheiß Hippie. Irgendwie muss man sich abreagieren. Fuck!
Eugenie Kain, geboren 1960, ist Schriftstellerin. Sie lebt und arbeitet in Linz. Zuletzt erschienen sind der Erzählband "Hohe Wasser" und die Erzählung "Flüsterlieder". Zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt Staatsförderpreis und Landeskulturpreis für Literatur.









