
EUGENIE KAIN
Festland
Es gibt keinen Kurswagen mehr vom Linzer Hauptbahnhof nach Amsterdam Centraal. Amsterdam ist wichtig. Linz wird keine Radfahrbrücke über die Donau bekommen. Radfahrer sollen durch die Landstraße geschleust werden - aber nicht alle, die mit einem Fahrrad unterwegs sind, gehören zur Spezies der Donauradweg-Wanderradler, sie wollen zur Arbeit und da ist die Landstraße mit Fuzo, Schienen, Pflastersteinen und Lieferwägen die denkbar schlechteste Route. In Amsterdam heißen die Radfahrer feetsers. Sie haben eigene Fahrspuren und eine eigene Ampelschaltung. Das nur am Rande. Amsterdam hat andere Sorgen als Linz. Auch darum geht es nicht. Amsterdam ist wichtig, weil die Fahrt mit der Bahn die derzeit in der EU vorhandenen unterschiedlichen Geschwindigkeiten erfahrbar macht.
Es gibt keinen Kurswagen mehr. Ab Frankfurt fährt der TEE-Zug. Hier herrscht Reservierungs- und Zuschlagspflicht. Der Zug glüht auf Hochgeschwindigkeitsstrecken durch das Ruhrgebiet und die Niederlande. Pech, wenn jemand wegen der Reservierung gegen die Fahrtrichtung sitzen muss und das nicht verträgt. Die Landschaft draußen ein Strich, manchmal geben die Lärmschutzwände den Blick darauf frei. Im Waggon über der Tür zeigt ein Display die Geschwindigkeit an, 260 km/h, 280, 283, 289... Schlecht wird einem und schwindlig. Der Magen krampft und das Trommelfell.
Zur Entschleunigung dann die Strecke Linz - Prag: In der Früh und am Nachmittag gibt es einen direkten Zug. Wer nach Prag will, ist selber schuld, scheinen sich die Logistiker von den ÖBB zu denken. Auf dieser Strecke verkehren Waggons, wie sie sonst nur mehr auf der Fahrt ins Salzkammergut zugemutet werden. Die Sitze durchgesessen, die Nackenstützen speckig und die orangen Bezüge abgewetzt. Im tschechischen Waggon sitzt man auf Plastik. Auch eské dráhy, die tschechischen Staatsbahnen, bringen auf dieser Strecke nicht ihre neuen Garnituren zum Einsatz. Die Lokomotive quält sich durchs Mühlviertel hinauf zur Grenze. Dort wird kontrolliert. Der Zug rattert weiter durch Böhmen. Selbst kleine Bahnhöfe sind noch besetzt. Der Bahnhofsvorstand steht am Bahnsteig, wenn der Zug durchfährt. Böhmische Eisenbahner neigen zur Barttracht und zum Haarschweif. Auch wenn D in der Zwischenzeit eine AG ist: Möge den Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern und den Fahrgästen eine Rationalisierung, bei der in ihrer Station nur mehr der Fahrscheinautomat die Stellung hält, noch lange erspart bleiben.
Der polnische Autor Andrzej Stasiuk kommt in seinem Essay „Logbuch“* beim Anblick der Europa-Karte im tschechischen Velk Atlas Svta ins Sinnieren. Sein Land habe die schönsten Umrisse. Er begründet und vergleicht: „Das österreichische Nockerl wollen wir höflich übergehen, um dem Land die leidvolle Erinnerung daran zu ersparen, was es einmal war.“ Die Rücksichtnahme ist nicht notwendig. Wir haben das kompensiert. Waren wir früher Kaiser der Donaumonarchie, sind wir heute Abfahrtsweltmeister. Ein Blick durch die Fenster zeigt, dass wir auf unseren ehemaligen Gebieten wieder präsent sind: Unsere Tankstellen, unsere Lebensmittelketten, unsere Banken und das Giebelkreuz sind schon da.
Wer auf diese Art von Patriotismus anspricht, ist auch mit einer Bahnfahrt in die entgegen gesetzte Richtung zum Musterknaben der EU gut bedient. Um 11:10 fährt der Zug Joe Plenik ohne Umsteigen von Linz über Graz und Maribor nach Ljubljana. Die Strecke nach Graz ist besser ausgebaut als die nach Summerau und der Zug ist um 17:32 in der Hauptstadt Sloweniens. Ljubljana brummt. Die Global Player der Kosmetik-, Textil- und Fast-Food-Industrie haben sich einen Großteil der Fußgängerzone aufgeteilt und die hohe Dichte österreichischer Banken, Versicherungen und Sparmärkte trägt das ihre zur Verwechselbarkeit der City bei.
Linz ist ein guter Ausgangpunkt zur Erkundung Mitteleuropas. Luftlinenmäßig auf der Achse Berlin - Prag - Ljubljana - Rijeka liegend und durch die Donau mit dem Schwarzen Meer verbunden, liegt die Stadt an einer Schnittstelle. Ein Zentrum im Festland. Die Grenzen Europas sind naturgemäß unterschiedlich definiert. Der geographische Mittelpunkt Europas liegt außerhalb der Schengengrenze im ukrainischen Karpatendorf Dilove an der Theiß. Der Locus Perennis wurde zu k. u. k.-Zeiten vermessen. Ein frischgefärbelter Obelisk erinnert daran. Die Fahrt mit der Bahn dorthin ist umständlich. Auch das Auto kommt streckenweise nur im Schritttempo weiter. In Ungarn queren knapp vor der Grenze Schafherden mit ihrem Hirten die Straße. In der Ukraine, nimmt die Schlaglochdichte der Straße bis zum Jablunyzer-Pass zu und mit ihr die Anzahl der Pferdegespanne. Heuhaufen werfen Schatten auf steile grüne Hänge. Türkis gestrichene Holzhäuser ducken sich zwischen schiefen Zäunen. Das Heu wird in große Tücher gepackt und auf dem Rücken abtransportiert. Unsere Bundesforste zeigen Interesse an den ausgedehnten Fichten- und Buchenwäldern dieser Gegend. Eine Radfahrerin mit einem Sack Erdäpfel auf dem Gepäcksträger holpert über die Dorfstraße. Irgendwo in einem dieser Täler muss die Geschwindigkeit gegen Null laufen. Der Schein trügt. Der Stillstand um den Mittelpunkt Europas ist vergleichbar dem im Zentrum des Taifuns.
Eugenie Kain, geboren in Linz, Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften in Wien, seit 1995 wieder in Linz. Arbeit als Kulturjournalistin und Beraterin im Sozialbereich. Autorin. Einzelpublikationen: „Flüsterlieder“, Otto Müller Verlag, Salzburg 2006; „Hohe Wasser“, Otto Müller Verlag, Salzburg 2004; „Atemnot“, Resistenz Verlag, Wien Linz 2001; „Sehnsucht nach Tamanrasset. Sechs Erzählungen“, Resistenz Verlag, Linz, Wien 1999. Hg: „Nicht nur der Himmel hat geweint. Hochwassergeschichten aus Mitterkirchen“, Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 2003. Erzählungen übersetzt ins Tschechische und ins Slowenische. * Andrzej Stasiuk.: Logbuch. In: Juri Andruchowytsch Andrzej Stasiuk: Mein Europa. Zwei Essays über das sogenannte Mitteleuropa. Edition Suhrkamp. Frankfurt/Main. 2004.









