
ELFRIEDE HAMMERL
Im Qualm
Ich verstehe, dass Raucher rauchen wollen. Ich verstehe, dass Raucherinnen alle möglichen Gründe anführen, warum Rauchen notwendig, genussreich und eigentlich unschädlich ist. Ich bleibe milde, wenn Rauchende Berichte, Statistiken und philosophische Traktate zitieren, denen zufolge der Raucher und die Raucherin bessere und interessantere Menschen sind.
Aber bitte, kommt mir nicht mit der persönlichen Freiheit! Ich habe auch eine persönliche Freiheit. Meine persönliche Freiheit fühlt sich ganz entschieden eingeschränkt, wenn ihr mich zwingt mitzurauchen.
Mein Nichtrauchen beeinträchtigt euch nicht und schadet euch nicht. Euer Rauchen schadet mir, zumindest belästigt es mich. Und, ja, es liegt in meiner persönlichen Freiheit, zu entscheiden, was mich belästigt.
Ich ringe um Luft, meine Augen tränen, ich stinke, wenn ich mit euch zusammen war. Ihr findet, dass ist der Preis, den ich für eure Gesellschaft zahlen muss, aber was zahlt ihr für meine Gesellschaft, die doch wohl nicht weniger wert ist als eure?
Ich begreife, dass euch die Sucht rücksichtslos macht. Das erheitert mich nicht, doch was mich mehr alles andere auf die Palme bringt, ist eure Weigerung, eure Rücksichtslosigkeit als solche zu erkennen und zu benennen. Stattdessen kommt ihr mit eurer Freiheit.
Würdet ihr mir unter Berufung auf eure persönliche Freiheit auf den Zehen herumtrampeln, ins Essen greifen, in den Ohren bohren? Eher nicht, will ich hoffen, und wenn, dann hättet ihr wenig Aussichten auf öffentliche Unterstützung. Mir die Lungen vollqualmen dürft ihr hingegen nach wie vor, weil unser Gesundheitsminister sich nicht mit euch anlegen will und ein generelles Rauchverbot in Lokalen scheut. Deswegen fühlt ihr euch im Recht. Aber, he, meine persönliche Freiheit erlaubt mir, eurem Rechtsempfinden zu widersprechen. Es gibt da nämlich diese gute alte Definition von Freiheit, und sie besagt, dass die Freiheit des einzelnen dort endet, wo die der anderen beginnt.
Ihr seid nicht die einzigen, die den hehren Freiheitsbegriff missbrauchen, um schrankenlosen Egoismus zu rechtfertigen. Ich brauche meine Freiheit!, das sagen sie alle, die sich über die Bedürfnisse, Wünsche, ja, sogar Rechte ihrer Umgebung hinwegsetzen. Aber die Freiheit, die sie sie sich nehmen, ist nicht ihre eigene, sondern die der anderen, sie annektieren fremdes Territorium und geben diesen Akt der Usurpation als Bewahrung grundlegender Werte aus. Sie reißen auch noch die grundlegenden Werte an sich und verformen sie nach Willkür und ihrem Gutdünken. Darin liegt der wahre Ärger.
Pathetische Worte für ein bisschen blauen Dunst? Tja, wer hat denn damit angefangen? Wer strapaziert denn die gute alte Freiheit, wenn es doch bloß darum geht, unsoziales Verhalten schönzureden?
Manche unter euch Rauchern gefallen sich mir gegenüber in milder Nachsicht. Sie lächeln verzeihend, wenn ich asthmatisch keuche. Sie werfen einander Blicke zu, aus denen hervorgeht, dass sie sich im Geist an die Stirn tippen, aber sie tippen nicht wirklich. Sie ist halt ein bisschen überempfindlich, sagen sie von mir, und es klingt, als wäre ich eine hysterische Blunzen, die nur so tut, als ob sie keine Luft kriegte.
Die selben Menschen hegen und pflegen ihrerseits eine Reihe interessanter Unverträglichkeitsleiden, Panikreaktionen, mit denen sich ihre sensiblen Körper, wie sie behaupten, gegen bestimmte Nahrungsmittel oder Nahrungsmittelbestandteile wehren. Beliebt und verbreitet ist zur Zeit die Laktoseintoleranz, man kommt sich inzwischen wie ein Provinztrottel vor, wenn man in halbwegs schicken urbanen Kreisen bekennt, dass man Milch und Milchprodukte nicht nur bestens verträgt, sondern auch mit Vergnügen konsumiert.
Seit geraumer Zeit stelle ich mir nicht ungern vor, wie ich den qualmenden Laktoseintoleranzlern, die mit mir am Tisch sitzen, einen großen Löffel Sauerrahm in die Suppe klatsche und dazu freundlich lächelnd sage: Ich weiß, du bist ein bisschen überempfindlich, aber den winzigen Klacks da wirst du schon aushalten.
Kleinliche Rachefantasien? Ja, leider nur Fantasien. Denn ich lasse sie ungeschoren, die armen Schonungsbedürftigen, die alles mögliche schonen, nur nicht ihre und meine Lungenflügel. Nennt es feig, aber ich habe einfach keine Lust, in der Klapsmühle zu landen. Attacken auf fremde Suppenteller sind nun mal gesellschaftlich nicht toleriert, Attacken auf fremde Bronchien bedauerlicherweise schon.
Jetzt einmal ganz im Ernst: Immer mehr Jugendliche rauchen wie die Wilden. Wir wissen, dass Rauchen Lungenkrebs (und eine Reihe anderer, ziemlich ekelhafter Erkrankungen) begünstigt. Und da reden wir von Freiheit statt von Erziehungsverantwortung?
Die Wortwahl macht was aus, oh doch. Sprache schafft Bewusstsein. Und die Wortwahl sollte wenigstens kein falsches Bewusstsein zementieren.
Ja, aber bloß keine Verbote! Nein? Gar keine? Ach was. Wir gewöhnen unsere Kinder doch auch an andere Regeln. Würden wir sie ermuntern, im Namen ihrer persönlichen Freiheit mit dem Moped links zu fahren und möglichst bei Rot über Kreuzungen zu düsen?
ELFRIEDE HAMMERL ist Kolumnistin bei „profil“ und schreibt Romane, Theaterstücke und Drehbücher. Sie war Mitinitiatorin des Frauenvolksbegehrens. Publizistikpreis der Stadt Wien 1999. Zuletzt erschienen: „Müde bin ich Känguru. Nachrichten aus dem Krisengebiet Patchwork-Familie“, Deuticke, 2006; „Hotel Mama. Nesthocker, Nervensägen und Neurosen“, Deuticke, 2007. Mitglied des Ausseruniversitären Beirats der Universität Innsbruck von 2000 bis 2002. Publizistikpreis der Stadt Wien 1999, Frauenpreis der Stadt Wien 2002. Concordiapreis (in der Kategorie Menchenrechte) 2003.




2 Kommentare befinden sich auf dieser Seite:
Vielen Dank, sehr geehrte Frau Hammerl, für diesen wunderbaren Artikel, der mir und wahrscheinlich Millionen anderen Nichtrauchern in Österreich aus der Seele spricht.
Ich hoffe sehr, dass das aktuell laufende Volksbegehren für ein ECHTES Rauchverbot in Lokalen (http://www.nichtraucheninlokalen.at/) Erfolg hat. Lange halte ich die jetzige Doppelmoral nicht mehr aus.
Das ist nett.
-- Aber bitte, kommt mir nicht mit der persönlichen Freiheit!
Wer tut das?
-- Ich ringe um Luft, meine Augen tränen, ich stinke, wenn ich mit euch zusammen war.
Um Himmelswillen! -- Darf ich fragen, um was es Ihnen geht?