
CHRISTIAN SCHACHERREITER
was bleibt vom aufrechten gang?
Im Juni 2006 lud die SPÖ zu einer Bildungsenquete mit Alfred Gusenbauer und Josef Broukal ein. Gusenbauer präsentierte an der Universität Linz sein Bildungsprogramm, Broukal assistierte als Moderator, die sozialdemokratische Gemeinde lauschte. Gusenbauer holte zu Rundumschlägen gegen die Bildungspolitik der damaligen ÖVP-BZÖ-Regierung aus, und man konnte ihm in vielen Kritikpunkten Recht geben. Keine Frage, was Elisabeth Gehrer den Schulen und Universitäten jahrelang zugemutet hatte, war alles andere als erfreulich. Ob dafür immer gleich drastische Vokabel wie „Misere“ und „Katastrophe“ angemessen sind, bleibe dahingestellt. Es war Wahlkampf - und die SPÖ eierte in ziemlich aussichtsloser Lage dem Wahltermin entgegen.
So grottenschlecht Gusenbauer das Bildungswesen einschätzte, so blumenreich malte er uns dessen Zukunft aus, sofern diese in sozialdemokratische Hände gelegt werden sollte. Gesamtschule und Ganztagsschule, Förderung für alle und so weiter und so weiter. Dem bildungspolitischen Wunderland schienen keine Grenzen zu fern, keine Höhen zu weit zu sein. Ich überlegte, was solch eine umfassende Reform für meine Schule, ein Gymnasium mit 800 Schülerinnen und Schülern ungefähr kosten könnte, welche baulichen Begleitmaßnahmen und personellen Veränderungen nötig wären - und vor allem: Wie soll die „gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen“ aussehen, die Gusenbauer meint? Es gibt gute und schlechte Gesamtschulsysteme. Also wäre erstens ein konkretes Organisationskonzept gefragt, zweitens die Klärung schwieriger dienstrechtlicher Fragen. Sollen Hauptschullehrer in Zukunft so entlohnt werden wie AHS-Lehrer (oder umgekehrt!?), und welche Folgen hat das für die Ausbildung?
Ich war so frei, Alfred Gusenbauer diese Fragen zu stellen. Ich äußerte meine Zweifel an der Realisierbarkeit seiner Bildungsutopie. Denn selbst dann, wenn es zu einer rot-grünen Regierung kommen sollte, würde einem grundlegenden Systemwechsel die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit im Parlament im Wege stehen. Abgesehen davon könne ich mir nicht vorstellen, woher er das Geld für alle diese Maßnahmen nehmen wolle. Die Verwirklichung von Plan A, die ganz große Bildungsreform, sei ziemlich unwahrscheinlich, wie - so fragte ich - schaut Plan B aus, die realistische Variante sozusagen?
Als mir Alfred Gusenbauer damals, im Juni 2006, antwortete, bemerkte ich an ihm zum ersten Mal dieses präpotente Grinsen, mit dem er sich seit den Tagen der Regierungsbildung in regelmäßigen Abständen die Sympathien verscherzt. Mit dem Habitus unendlicher Überlegenheit sagte er, natürlich habe man das alles bis zur Nationalratswahl fertig. Und im Übrigen falle ihm angesichts meiner besorgten Fragen ein guter, alter Witz ein: „Als die Menschheit zum aufrechten Gang übergegangen ist, haben auch zwei Professoren davor gewarnt.“ - Hahaha, das war aber lustig. Es war Wahlkampf!
Einer alten chinesischen Weisheit folgend, setzte ich mich an den Fluss und
wartete ab, was da alles vorbeitreiben würde in den nächsten Monaten. Es kam ein regnerischer Sommer und ein milder Herbst. Dann wurde gewählt, und die SPÖ wurde - zu ihrem eigenen Entsetzen - stimmenstärkste Partei. Dafür konnte man Alfred Gusenbauer wirklich nicht verantwortlich machen, vielmehr hatten viele Wähler Wolfgang Schüssels „neue“ Art des Regierens satt. Wie auch immer, das Schicksal kann sehr gemein sein: Die SPÖ kam in die peinliche Lage, ihr eigenes Wahlkampfprogramm ernst nehmen zu müssen. Mittlerweile wissen wir, was davon geblieben ist: Es fliegt, es fliegt - der Eurofighter. Dem Bildungswesen hingegen sind keine Flügel gewachsen. Gewiss, mit der ÖVP als Partner gibt es (derzeit) keine Gesamtschule. Auch die Stundenkürzungen aus dem Jahr 2003 sind nicht rückgängig gemacht worden. Dass aber nicht einmal die Streichung der Studiengebühr durchsetzbar war, ist jämmerlich. Und das präpotente Grinsen, mit dem Gusenbauer über die protestierenden Studenten drübergefahren ist, empörte mich. Abgesehen von einem fragmentarischen Husch-pfusch-Konzept zur Senkung der Klassenschülerzahl ist bisher alles geblieben, wie es war - damals, als es noch eine schwarz-orange „Bildungsmisere“ gab.
Ich sitze am Fluss, und angesichts der Trümmer sozialdemokratischer Wahlversprechen, die da vorbeischwimmen, fällt mir Gusenbauers guter, alter Witz wieder ein. Ich habe ihn ausgebaut: In einer Zeit, in der die Menschen noch auf allen Vieren gingen, versprach ein Politiker, dass sie, wenn er gewählt würde, den aufrechten Gang auf zwei Beinen erlernen würden. Ein Schuldirektor fragte, ob die Details der Machbarkeit überlegt seien. Er könne sich da nämlich manches nicht so recht vorstellen. Der Politiker wurde gewählt, aber die Menschen gingen immer noch auf allen Vieren. „Was ist jetzt mit dem aufrechten Gang auf zwei Beinen?“, fragte der Schuldirektor den Politiker. „Den haben wir doch“, antwortete der Politiker. „So und nicht anders habe ich ihn mir vorgestellt.“
Dr. Christian Schacherreiter ist Germanist, Literaturkritiker der OÖN und Direktor des Georg von Peuerbach-Gymnasiums Linz; zahlreiche Publikationen zur Sprache und Literatur, letzte Buchveröffentlichung: „Der Wappler. Das österreichische Deutsch in Anekdoten“ (Verlag Ueberreuter)









