Mi 01 Dez 2010

Christian Felber

Gemeinwohl ist Gewinn

 

88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der ÖsterreicherInnen wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung. Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet eine Alternative zu kapitalistischer Markt- und zentraler Planwirtschaft. Sie baut auf humanen Werten auf und misst ihre Umsetzung in einer neuen unternehmerischen Hauptbilanz.
Drei frappierende Widersprüche kennzeichnen die gegenwärtige Wirtschaftsordnung: 1. Die Grundkoordinaten des Wirtschaftens - Gewinnstreben und Konkurrenz - fördern nicht vorrangig Beziehungswerte, sondern Eigennutz. 2. Wir messen nicht das, was uns eigentlich wichtig ist - Vertrauen, Sicherheit, Wertschätzung, Bedürfnisbefriedigung -, sondern Geldaggregate. 3. Obwohl sich die Hinweise aus Neurobiologie, Spieltheorie, Sozialpsychologie und Glücksforschung verdichten, dass Geld, Egoismus und Konkurrenz nicht die stärksten Motivatoren für Menschen sind, bauen wir die Anreiz- und Entlohnungssysteme sowie die gesamte Wirtschaftsordnung nach wie vor auf diesen (obsoleten) Koordinaten auf.
Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie versucht diese Widersprüche aufzulösen, indem sie zentrale Systemweichen umstellt und das Streben der individuellen ökonomischen Akteure vom vorrangigen Eigennutz auf den Vorrang des Gemeinwohls „umpolt“. Das Gemeinwohl soll nicht länger der erhoffte Nebeneffekt des individuellen Vorteilsstrebens sein, sondern zum Zweck der wirtschaftlichen Privatinitiative werden, die das Wohl des Einzelnen einschließt. Adam Smiths historischer Ausspruch: „Nicht vom Wohlwollen des Bäckers, Brauers, Metzgers erwarten wir unser tägliche Mahlzeit, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen verfolgen“ wird geglättet auf „Vom Wohlwollen aller Wirtschaftsakteure erwarten wir das Wohl aller.“
Die erste Systemweiche, die dabei umgestellt wird, ist das Verständnis von unternehmerischem „Erfolg“: Dieser sollte nicht länger mit Finanzgewinn gleichgesetzt werden, weil dieser zu aussageschwach über die Gesamtperformance eines Unternehmens ist: Ein höherer betrieblicher Finanzgewinn mit weniger sozialer Sicherheit, geringeren Einkommen, Verlust an Lebensqualität, Gesundheitsgefährdung und der Verletzung der Menschenwürde. Neue Bedeutung von unternehmerischem Erfolg sollte deshalb sein: ein größtmöglicher Beitrag zum allgemeinen Wohl. (Finanzgewinn dient der Erreichung dieses Ziels.) Operativ ginge das in drei Schritten: Gemeinwohlverhalten muss 1. in wesentlichen Punkten definiert, 2. gemessen und 3. belohnt werden.
Für den ersten Schritt gibt es erfreulich übereinstimmende Vorarbeiten: „Berührungsgruppen“ (Stakeholder) wünschen sich weltweit von Unternehmen umfassende Transparenz, soziale Verantwortung, ökologisch nachhaltiges Wirtschaften, innerbetriebliche Demokratie sowie gesamtgesellschaftliche Solidarität. Diese Grundwerte könnten in der „Gemeinwohl-Bilanz“, dem Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie, gemessen werden. Die ersten 20 Pioniere werden sie noch heuer freiwillig anwenden und weiterentwickeln. Als dritten Schritt könnten die „Erfolgreichen“ in der neuen Bedeutung systematisch belohnt werden: Wer zum Beispiel die Beschäftigten mitbestimmen lässt; gleich viele Frauen in den Führungsgremien hat wie Männer; für gleichen Arbeitseinsatz gleichen Lohn bezahlt; einen hohen Anteil der Vorprodukte aus der Region bezieht; KundInnen in die Planung einbezieht oder Know-how freiwillig an die Mit-Unternehmen weitergibt; erhält „Gemeinwohl-Punkte“. Je höher die Gemeinwohlpunktezahl, desto besser ist die Gemeinwohl-Bilanz des Unternehmens und desto größer sind die rechtlichen Vorteile, zum Beispiel: günstigerer Mehrwertsteuersatz, niedrigerer Zoll-Tarif, günstigerer Kredit bei der „Gemeinwohl-Bank“ oder Vorrang im öffentlichen Einkauf.
Die Finanzbilanz bliebe erhalten, aber das Gewinnstreben würde eingeschränkt: Nach wie vor verwendet werden dürfen Gewinne für soziale und ökologisch wertvolle Investitionen, Kreditrückzahlungen, begrenzte Ausschüttungen an die Mitarbeitenden oder Rückstellungen. Nicht mehr erlaubt sind hingegen: feindliche Übernahmen, Investitionen auf den Finanzmärkten und die Ausschüttung an Personen, die das Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten.
Die Folgen wären nachhaltig: Wenn der Profit nicht mehr maximiert werden und Konkurrenz-Unternehmen nicht mehr feindlich übernommen werden dürfen, macht Wachstum als Hauptstrategie keinen Sinn: Alle Unternehmen wären vom allgemeinen Wachstumszwang und gegenseitigen Fresszwang erlöst.
Kooperation würde hingegen systemisch belohnt. Wenn Unternehmen offen kalkulieren, Wissen teilen, kooperativ informieren statt aggressiv werben oder sich an der solidarischen Abfederung von Marktschwankungen beteiligen, erhalten sie Vorteile. Dadurch würden wir uns dem annähern, was „Konkurrenz“ im Lateinischen bedeutet: nicht gegeneinander agieren, sondern „miteinander laufen“ („con-currere“): aus einer Win-lose- würde eine Win-win-Systemordnung.
Schließlich würden mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Menschen und Menschengruppen private Unternehmen gründen, weil sie sich in diesem neuen Ordnungs- und Anreizrahmen menschlich wohler fühlen als im gegenwärtigen System, in dem selbst das bewusste Ausleben menschlicher Schwächen keinen Nachteil darstellt oder sogar Vorteile bringt, weil keine Bilanz zur Rechenschaft zwingt.

Christian Felber, 37, unterrichtet Globalisierungskritik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist vielfacher Buchautor und Erfinder der Gemeinwohl-Ökonomie, die im August bei Deuticke als Buch erschien und bereits von 120 Unternehmen aus vier Staaten unterstützt wird.
www.gemeinwohl-oekonomie.org




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