
Würde jemand aus Australien - geschult in der Analyse von Gesellschaft und Politik, aber ohne besondere Kenntnisse von Europa - die europäische Staatenwelt genauer betrachten, so fiele ihm (oder ihr) einiges an Österreich auf: ein wirtschaftlich reiches Land, politisch und sozial stabil, das bei fast allen Indikatoren menschlicher Entwicklung zur Spitzengruppe Europas zählt: Lebenserwartung, Pro-Kopf-Einkommen, Gesundheitsvorsorge, etc. In einer Kategorie aber weist dieses Land überraschenderweise schlechte Werte auf: in der Bildung. Gemessen and anderen Staaten in einer ähnlichen Entwicklungsstufe beginnen relativ wenige Menschen in Österreicher ein Universitäts- oder Fachhochschulstudium - und von diesen schließt nur ein überraschend geringer Teil dieses Studium auch ab.
Wäre dieser Beobachter, diese Beobachterin aus Australien naiv, so könnte er (sie) glauben, die Menschen in Österreich hätten eben ein gewisses Begabungs- und Leistungsdefizit. Mit anderen Worten: Österreich wäre ein Land, das eine nicht unerhebliche intellektuelle Beschränktheit aufweist. Die Österreicherinnen und Österreicher - sind sie im Durchschnitt dümmer als der Rest Europas, ja der Rest der Welt?
Doch weil unser Beobachter, unsere Beobachterin aus Australien natürlich auf dem Reflexionsniveau ist, von dem man im internationalen wissenschaftlichen Diskurs auszugehen hat, ist für ihn (sie) klar: Es kann nicht an der Begabung, an der Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Menschen liegen, dass Österreich solche auffallenden Lücken aufweist. Es muss am System liegen - am österreichischen Bildungssystem speziell und am politischen System Österreichs generell.
ÖSTERREICH IST ANDERS
Fast überall in der Welt, fast überall in Europa fällt der Schule die Aufgabe der sozialen Integration zu. Kinder unterschiedlicher Herkunft sollen zusammengeführt, sollen durch eine an bestimmten Werten orientierte Schule gemeinsam an die Gesellschaft herangeführt werden. Dadurch sollen auch Begabungen die bestmögliche Förderung erfahren. Fast überall in der Welt, fast überall in Europa weiß man, dass die je nach individueller Begabung notwendige Ausdifferenzierung nicht zu früh erfolgen darf - denn dann reflektiert die Aufteilung auf verschiedene Schultypen zu stark der Element der sozialen Herkunft - und zu wenig die individuellen Potentiale der Kinder.
Nicht so in Österreich. In Österreich wird, fast einmalig in Europa, die faktisch entscheidende Aufteilung bereits im zehnten Lebensjahr der Kinder vorgenommen. Wenn auch fast ganz Europa, fast die ganze Welt die Ausdifferenzierung viel später - im 14., 15.Lebensjahr etwa - vorsieht: In Österreich gehen die Uhren eben anders.
Nun mag die Beharrung auf einem österreichischen Sonderweg durchaus seine Berechtigung haben - wenn dieser Weg entsprechende Resultate brächte. Aber genau das ist eben nicht der Fall. Man kann die Pisa-Studien bemühen, oder die regelmäßigen Evaluierungen durch die OECD: Die Bilanz des Bildungssystems und damit der Bildungspolitik ist ganz einfach negativ. Österreich müsste, würde es den Standards der anderen reichen Staaten entsprechen, bessere und breitere Resultate vorweisen können. Österreich bekommt regelmäßig bestätigt, dass sein Bildungssystem schlechte Ergebnisse liefert: Weil eben Zehnjährigen wesentliche Entwicklungschancen genommen werden, wenn man sie in die "Sackgasse Hauptschule" abschiebt; weil die theoretisch gegebene Möglichkeit, nach der Hauptschule in eine Höhere Schule zu wechseln, nur für relativ wenige den Ausweg aus dieser Sackgasse offeriert.
Weil aber die Höhere Schule das Eingangstor zur "postsekundären Bildung" ist - also zur Universität, bzw. Fachhochschule, bedeutet das frühe "Selektieren", dass jungen Menschen, die in anderen Staaten den Weg zu einer weiterführenden Bildung beschreiten könnten, dieser Weg versperrt wird. Die Folge: weniger Absolventinnen und Absolventen der Universitäten; und das heißt weniger Menschen erreichen das Stadium, in dem nach allen nur denkbaren Maßstäben - von der relativen Arbeitsplatzsicherheit bis zum Lebenseinkommen - die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung optimal wäre.
Dass an den Universitäten - zusätzlich zu dem im Schulsystem eingebauten Blockademechanismus der geteilten Schule der 19- bis 14-Jährigen - noch andere, ebenfalls negative Faktoren hinzutreten, muss freilich ebenfalls erwähnt werden: An den Universitäten erfolgt die Ausstattung mit Ressourcen grundsätzlich nicht nach dem konkreten Bedarf, also etwa nach der Zahl der Studierenden, sondern nach vagen, historische Besitzstände reflektierenden Maßstäben. Die Folge: in vielen Bereichen ein schwer erträglicher Massenbetrieb, der die Qualität vermindert und das vorzeitige Ausscheiden ("drop out") fördert.
DIE HYSTERIE MIT DEM "ZWANG"
Alle, die sich mit Bildungspolitik beschäftigen, wissen, wie man die österreichischen Defizite abbauen könnte. Da ist, zum ersten, die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen. Ob man die Gesamtschule nennt oder anders, das ist sekundär. Wichtig ist - und das kann ja überall in Europa studiert werden, dass eine Weichenstellung im zum Beispiel 15. Lebensjahr sowohl gerechter als auch leistungsadäquater ist als eine im 10. Lebensjahr; und dass eine Finanzierung der Universitäten nach dem konkreten Bedarf, in Verbindung mit einer dann immanent logischen Zugangsregelung, die Durchlässigkeit der Universitäten eminent steigern würde.
Doch zur Verteidigung des skandalös unbefriedigenden Zustandes werden Ideologien aufgebaut: Die Freiheit wird bemüht - vor allem die der Eltern, sich für einen bestimmten Schultypus für ihre Kinder entscheiden zu dürfen. Dass den Eltern die Freiheit nicht eingeräumt wird, für ihre 6- bis 10-jährigen Kinder einen anderen Schultypus als die Volksschule zu wählen, scheint da niemanden zu stören. Und dass der entscheidende "Zwang" in Verletzung aller dieser hoch gehaltenen Freiheiten schon vor bald drei Jahrhunderten durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht ausgeübt wurde, wird ja auch nicht in Frage gestellt.
Es geht aber nicht um Freiheit und Zwang, es geht um das Fortschreiben von Privilegien: vor allem des Privilegs, den eigenen, "höheren" sozialen Status vererben zu dürfen, losgelöst von rationalen Kriterien wie individueller Fähigkeit und sozialer Gerechtigkeit. Und so kommt eben der Zustand zustande, wie er ist: Schwedische Bauernkinder oder britische Arbeiterkinder haben eine signifikant höhere Chance, ein Universitätsstudium zu absolvieren als österreichische Bauern- und Arbeiterkinder.
Die Instrumente zum Abbau dieses gesamtgesellschaftlich äußerst schädlichen Zustandes sind bekannt. Zur Verteidigung des Status quo hat sich aber eine unheilige Allianz gebildet: Lehrerinnen und Lehrer Höherer Schulen, die sich dafür fürchten, ihren Statusvorsprung gegenüber Lehrerinnen und Lehrern and Pflichtschulen zu verlieren; Elternvertretungen an Höheren Schulen, die nicht zulassen wollen, dass dieser - "ihr" - Schultypus den Anstrich des Elitären verliert, auch wenn es nur eine Herkunfts- und nicht eine Leistungselite ist, die diesen Ruf rechtfertigen könnte. Diese Allianz der Vetomächte trägt die Verantwortung für den Zustand, in dem das Land sich befindet.
DIE ÖSTERREICHISCHE VERSCHWENDUNG
Die für die Beobachter und Beobachterinnen aus Australien so überraschenden Defizite des österreichischen Bildungssystems haben erhebliche soziale Konsequenzen. Zunächst: Begabungsreserven bleiben ungenützt. Menschen, die - hätten sie Zugang zu mehr, besserer, höherer Bildung - mehr Leistungen erbringen könnten, werden durch die in das österreichische Bildungssystem eingebauten Blockaden behindert. Österreich vergeudet Potentiale, die dem wirtschaftlichen und kulturellen Reichtum des Landes zugute kommen könnten, hätten die schon in frühem Alter Ausgesonderten einen ihrer Begabung entsprechenden Zugang zu höherer Bildung. Das österreichische Bildungssystem ist leistungsfeindlich.
Das österreichische Bildungssystem ist, darüber hinaus, extrem ungerecht: Menschen werden je nach ihrer sozialen Herkunft auf eine Schiene gestellt, die ihnen die bestmögliche Nutzung von Lebenschancen einräumt - oder sie werden auf ein gesellschaftliches Nebengleis geschoben. Österreicherinnen und Österreicher, in der hierarchisch gestuften Gesellschaft "oben" geboren, erhalten durch Bildung die besten Voraussetzungen dafür, "oben" zu bleiben. "Unten" geborenen Menschen hingegen bleiben de facto dieselben Voraussetzungen verschlossen. Weder individuelle Leistung, noch soziale Gerechtigkeit sind ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist - jedenfalls in hohem Maße - die soziale Position, in der man hineingeboren wird.
Das alles wirkt sich natürlich auf die Verteilung von Lebenschancen aus. Es verfestigt sich eine frühmoderne Ungleichheit, die weder sozial gerecht, noch ökonomisch vernünftig ist. Die Zufälligkeit der Geburt bestimmt in einem auffallenden Maße die gesellschaftlichen Positionen. Dieses System ist von allen nur denkbaren Maßstäben gesehen eine einzige Katastrophe: Es vergeudet Leistungsreserven - und es schreibt eine Ungleichheit fest, die nicht das Resultat von Leistung, sondern von Geburt ist.
Dieses System ist Ausdruck eines eingefrorenen Klassenkampfes von oben. Es mindert die Chance derer, die nicht "oben" geboren sind, sich zu entfalten. Und es schreibt etwas fest, was als die Vererbung kultureller Armut zu bezeichnen ist: Dass mitten in einer - trotz Finanz- und Wirtschaftskrise - auffallend reichen Gesellschaft die kulturellen Indikatoren (vom Lesen von Büchern über den Besuch von Theatern bis hin zur Beteiligung an intellektuellen Diskursen) so stark die soziale Herkunft widerspiegeln, das widerspricht den materiellen Erfolgen wie auch den materiellen Möglichkeiten dieser Gesellschaft.
Österreich ist, wie es im Jargon heißt, "underperforming". Es bleibt hinter seinen Möglichkeiten weit zurück. Dieses Land lässt - sehenden Auges - junge Menschen in den Sackgassen eines extrem veralteten Bildungssystems zurück - in kultureller Armut. Es sind Menschen, deren Bereitschaft und Fähigkeit zu mehr und besonderer, qualifizierter Leistung in der Zukunft fehlen werden. Dieses Land ignoriert die anderswo (in Finnland, in Irland, in Japan, in Korea, fast überall) gemachten Erfahrungen mit Bildung und Bildungspolitik - offenbar, weil Mozart ein Österreicher war. Und dieses Land scheint sich damit abzufinden, dass eine faktische Klassengesellschaft sich verfestigt, obwohl alle, die dies wissen wollen, die Instrumente kennen, mit denen kulturelle Armut bekämpft werden kann.
Ist einem solchen Land noch zu helfen?
ANTON PELINKA, geb.1941, Dr. jur. Univ. Wien 1964, Univ. Doz. Politikwissenschaft Univ. Salzburg 1972, Prof. Universität Essen 1973, o. Prof. PH Berlin 1974, o. Univ. Prof. Politikwissenschaft Univ. Innsbruck seit 1975. Seit 1990 Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Konfliktforschung Wien. Längere Lehr- und Forschungsaufenthalte Univ. of New Orleans (1981), Harvard University (Schumpeter Fellowship, 1990/91), Stanford University (Austrian Chair, 1997). Veröffentlichungen zu Fragen der Demokratietheorie, des politischen Systems Österreichs und des Vergleichs politischer Systeme.