
ANNA MITGUTSCH
DER ERKENNTNISWERT DER KUNST
Die großen Errungenschaften des ausgehenden 20. Jahrhunderts liegen - wir müssen es leider feststellen - in der Technologie, in der Medizin, in den exakten Wissenschaften und nicht primär in der Kunst - womit ich einen Sammelbegriff für alle Kunstgattungen meine. Am Beginn des vorigen Jahrhunderts, am Beginn der Moderne, waren es die Künste, die eine neue Ära ankündigten. Heute befinden sich die Künste in einer Krise, in der es viele Experimente, viele Ansätze gibt, aber wenig souverän Bahnbrechendes, das sich mit den Innovationen in der Wissenschaft messen könnte. Diese Krise geht mit dem veränderten Welt- und Menschenbild einher, bzw. sie wurde von ihm ausgelöst. Allerdings hat es in der Geschichte laufend Veränderungen gegeben, die spiegelten, wie die Menschen einer Epoche die Wirklichkeit und die Gesellschaft wahrnahmen. Und meist waren die Krisen und neuen Strömungen in der Kunst Anzeichen einer noch nicht klar sichtbaren Umwälzung, in der man sich mitten drin befand, ohne die Einsichten, die erst der Blick auf die Vergangenheit gewährt.
Der Stellenwert der Künste hat sich in jedem Fall verschoben, in ihrer Breitenwirkung gesehen, hat er sicherlich abgenommen. Wie viele Menschen würden noch ein Buch, irgendeines, im Gepäck haben wollen, wenn sie auf der viel zitierten einsamen Insel strandeten? Wohl eher schon ein Notebook. Wie viele Menschen lesen in der spärlichen Freizeit ein Buch statt vor dem Fernseher zu entspannen, wie viele hören allein Musik, um jenen Raum um sich zu schaffen, in dem sie zu einer Begegnung mit sich selber kommen können? Natürlich haben sich die Künste in ihren Ausdrucksformen gewandelt, nicht nur der bürgerliche Roman und nicht nur die europäische Musik des 17. bis 19.Jahrhunderts sind große Kunst. Es gibt neue Kunstformen, die aus den Bedürfnissen der Gegenwart entstanden sind und traditionelle Kunstgattungen haben sich ihnen angepaßt, alle Künste tun das, sind sie doch immer Antworten des schöpferischen Menschen auf seine Gegenwart. Dennoch wage ich zu behaupten, daß die bildende und erkenntnisfördernde Potenz der Kunst im Vergleich zum bürgerlichen Europa des 19. und 20. Jahrhunderts an Bedeutung verloren hat.
Percy Bysshe Shelley, der große englische Dichter der Romantik, schrieb im beginnenden 19. Jahrhundert, der Dichter sei der heimliche Gesetzgeber der Welt - „the unacknowledged legislator of the world“. Kein Künstler würde sich heutzutage zu dieser Behauptung versteigen. Wir wissen, wir spüren und erfahren Tag für Tag in unserem eigenen Leben, wer bzw. was die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der Gegenwart bestimmt. Es sind nicht einmal Individuen, es sind die globalen Finanzmärkte, es sind die Gesetze des freien Markts, die Medien, allen voran die visuellen Medien, es ist der entfesselte Kapitalismus, dem jedes Gegengewicht fehlt. Die Künste bzw. die Künstler haben nie Macht besessen, aber sie wurden von den Mächtigen stets ernst genommen, sowohl in deren Förderung als auch in der Zensur.
Heute haben die meisten Künstler den begründeten Verdacht, daß sie dem Dienstleistungsgewerbe zugezählt werden. Sie haben sich gefälligst nach Markt, Nachfrage und Modetrend zu richten, wenn sie von den Produkten ihrer Phantasie leben oder überhaupt wahrgenommen werden wollen. Kunst, die mit einem solchen Selbstverständnis antritt und den Markt zu bedienen, seine Multiplikatoren einzuspannen weiß, geht rückstandslos in die Unterhaltungsindustrie ein. Das Problem eines derartigen Kunstverständnisses ist das einer jeden Kunst, die sich der Diktatur willfährig unterwirft: Sie ist nicht frei und wird nichts Großes schaffen, denn die Unfreiheit ist der Feind alles Schöpferischen. Ja aber, die Gedanken sind frei, könnte man entgegnen. Und auch in Diktaturen konnte Kunst gedeihen, sogar in der Unterdrückung, im Untergrund, unter Todesdrohung. Doch von dieser Art ist die Unfreiheit in unserer lückenlosen Marktwirtschaft nicht. Wir können alles sagen, schreiben, tun, je schriller, je ausgeflippter, je skandalöser, desto so besser. Der Markt nimmt jeden Protest auf und macht ihn zum Produkt, zum Verkaufsschlager, zur Massenware. Der Rebell wird so schnell zum Popstar, daß er nur die angenehmen Begleiterscheinungen seiner Kastration bemerkt. Und schon ist die Geste des Widerstands gebrochen und in die allgemeine Spaßkultur integriert. Wir leben im dem auf die Spitze getriebenen Kapitalismus, der kein Gegner mehr sein kann, weil er so tief in unser Bewußtsein und unser Selbstverständnis eingedrungen ist, daß er jede Faser von uns besetzt hält.
Eine Kunst, die sich als Dienstleistungsbetrieb versteht, hört auf, Kunst zu sein. Sie tauscht jeden Erkenntnisanspruch gegen Unterhaltung ein. Das Buch auf dem Nachtkästchen oder im Strandbad, die Musik als Event und als allgegenwärtige Berieselung - das ist ein zu oberflächlicher, kulinarischer Zugang zur Kunst, als daß sie zu einer wirklichen Erfahrung werden könnte . Dabei wird Shelleys „heimlicher Gesetzgeber der Welt“ zum Entertainer. Der Erkenntniswert ist gleich null. Die Menschen fühlen sich von der Kunst im Stich gelassen, denn unterhalten kann die Unterhaltungsindustrie allemal besser.
Auch wenn das mehrheitsfähige Bild des Menschen heute von Marktstrategen und Managern der Kulturindustrie entworfen wird, die in ihrer unermüdlichen Geschäftigkeit die überforderten Konsumenten bei Laune zu halten suchen, bleibt bei Vielen ein hohles Gefühl der Leere, der Unzufriedenheit, der Angst und des Überdrusses. Für dieses zunehmende Unbehagen ist die Kunst nicht unbedingt zuständig, die Kunst ist für ihre Konsumenten überhaupt nicht zuständig in dem Sinn, daß sie ihnen etwas schuldig ist. Trotzdem haben sich die Menschen immer der Kunst zugewandt, wenn sie Antworten auf jene Fragen suchten, die dem Menschen einfach nicht auszutreiben sind: Es sind die Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Sinn des Todes, danach, wozu Leiden gut sein soll und wie bestimmte Erfahrungen uns verändern, ob und wem wir Rechenschaft schuldig sind, wie das Böse in die Welt kommt, und ob es jenseits des Alltäglichen noch etwas gibt, das es zu finden lohnt - die blaue Blume, das Glück, Transzendenz, oder die Erfüllung, die einen Aufbruch ohne sicheren Ausgang immer wieder verlockend macht. Auch wenn es scheint, daß wir ganz und gar Materie geworden sind und Bedürfnisbefriedigung unser Leben restlos ausfüllt, die Sehnsucht nach etwas Ungreifbarem, Abwesenden, das stets jedoch zum Greifen nah ist, läßt sich nicht stillen. Dieses Begehren hat den Menschen immer schon zur Kunst getrieben. Warum nicht zu den Wissenschaften, warum nicht zu den großen wissenschaftlichen und technologischen Erkenntnissen der Menschheit? - denn auch sie handeln vom Menschen.
Aber sie handeln vom abstrakten Menschen, vom Menschen als einer bestimmten Funktion. Die Kunst handelt vom Menschen als Individuum, sie handelt vom Schicksal des Menschen, von seiner hartnäckigen Frage nach Transzendenz, nach allem, was sich dem analytischen Verstand entzieht. Es ist das Paradox der Kunst, daß sie ganz konkret ist, immer nur von Einzelnem spricht und gleichzeitig jeden, der eine Antenne für sie hat, anspricht, als rede sie nur zu ihm allein. In einem einzigen Ausschnitt aus der Vielfalt der Wirklichkeit, in der Erzählung einer konkreten Erfahrung an einer bestimmten Schnittstelle der Geschichte spiegelt sich die ganze menschliche Erfahrung. Die Kunst instrumentalisiert den Menschen nicht, sie drängt sich nicht auf und zwingt zu nichts. Nicht jeder fühlt sich von jedem Kunstwerk angesprochen, und nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Denn nicht nur der Mensch ist ein dialogisches Wesen, das ununterbrochen Zeugnis ablegen möchte, auch der Kunst wohnt dieses Dialogische inne, auch sie legt Zeugnis ab, von Erfahrung, von Erschütterungen, von der daraus gewonnenen Erkenntnis. Die Begegnung mit Kunst vollzieht sich nicht in der Analyse, sie zeitigt keine theoretische Erkenntnis, sie bedarf keines Vorwissens und keines intellektuellen Zugangs, sie unterliegt denselben dialogischen Gesetzen, die eine zweckfreie Interaktion zwischen Menschen ausmachen. Sie kann Liebe, Verehrung oder Abneigung auslösen, sie kann uns kalt lassen oder die tiefsten Gefühle, die heftigste Erschütterung hervorrufen, und immer erfahren wir etwas über uns selber, über jenen Teil von uns selber, der unser privatester, unser geheimster ist.
Wie kann die Erfahrung eines anderen, die ja nicht einmal explizit ausgesprochen wird - wie kann uns eine in Raum und Zeit oft ferne Erfahrung so sehr ergreifen, daß wir meinen, jemand hätte uns einen Einblick in unser eigenes Innerstes gewährt? Und nicht nur in unser Innerstes, auch in die Wirklichkeit, die menschlichen Abgründe, das geheime Regelwerk der Welt, wie wir es zu betrachten schon verlernt haben? Das eben ist das Geheimnis und der Erkenntniswert der Kunst. In ihrer geradezu intimen Privatheit ist sie zugleich öffentlich. Indem sie von und zu Einzelnen spricht, erreicht sie Viele, aber nicht als konsumierende Masse, sondern als Individuen, die sie anspricht und deren noch nicht einmal formulierte Fragen sie beantwortet. Sie schafft Raum für die Vorstellungskraft und die Phantasie, für das Mögliche, das Uneingelöste in jedem Leben. Die Begegnung mit der Kunst ist weder reglementierbar noch berechenbar, und sie ist frei von jeder Kosten-Nutzen-Rechnung.
Der Erkenntniswert der Kunst ist nicht meßbar, schon gar nicht in den Einheiten, die der Markt zur Verfügung stellt: Einschaltquoten, Verkaufsstatistik, Beliebtheit. Damit soll nicht gesagt sein, daß wahre Kunst das Unkonsumierbare, Sperrige, Elitäre sein muß. Aber ihre Bedeutung wird nicht vom Konsumverhalten eingelöst. Ebenso wenig wie der Wert der uns nahestehenden Menschen von den Eigenschaften abhängt, denen andere einen Wert beimessen.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind wir sparsam geworden mit dem Vokabular von Eigentlichkeit, Humanität und Ewigkeit. Die großen Wörter, die bedeutsamen Sätze, haben den Verbrechen und Katastrophen des Jahrhunderts nicht standgehalten, es haftet ihnen der Geruch des Verlogenen an. Deshalb ist uns für so Vieles im Bereich der Spiritualität die Begrifflichkeit abhanden gekommen, und vielleicht ist das auch gut so. Die Erkenntnis, die uns die Kunst einträgt, bedarf der Begrifflichkeit nicht unbedingt. Die ist Sache der Experten, der Musiker und Musikwissenschaftler, der Literaten und Germanisten, der Künstler und Kunsttheoretiker. „Literaturwissenschaft lehrt uns begreifen, was uns ergreift“, sagte der Schweizer Germanist Emil Staiger. Das Ergriffenwerden geht dem Begreifen voraus, es ist die Antwort auf uns selber, die die Kunst im Idealfall des Dialogs geben kann. Das Begreifen kommt später, es kann formuliert werden, es ist die nachgereichte Analyse, die von unserem Wissen und unserem Bildungsstand abhängt, es ist die ästhetische Kategorie, die beglückend sein kann, aber ohne die lebendige Begegnung nichts erschließt.
Was in dieser Begegnung zwischen Individuum und Kunstwerk wirklich vor sich geht, gehört zu den Geheimnissen, die weder analysierbar noch voraussagbar sind. Denn was uns begegnet ist weder eine bestimmte Komposition von Tönen, Farben oder Klängen, noch eine Geschichte mit fiktiven Figuren, sondern die diskursiv nicht mitteilbare Erkenntnis, was wir hier in diesem Leben, auf dieser Welt überhaupt machen, und wozu wir hier sind.
Anna Mitgutsch, geboren 1948 in Linz, studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Salzburg, promovierte 1974, Univ. Assistentin am Institut für Amerikanistik der Universität Innsbruck, lehrte in England, in Südkorea und den USA. Verfasste neben literaturwissenschaftlichen Publikationen und Übersetzungen zahlreiche Essays und acht Romane. Zuletzt erschienen die Romane „Zwei Leben und ein Tag“, „Familienfest“, „Haus der Kindheit“ und der Essayband „Erinnern und Erfinden“. Ihr Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt und mit namhaften Preisen ausgezeichnet.









