
ERICH WOLFGANG SKWARA
Beschädigte Sehnsucht
Sie setzten, es liegt Jahrzehnte zurück, die Büste des Antinous, die sich im Museum zu Olympia befindet, auf einen fast lebensgroßen, nachgebildeten Körper mit Toga, Faltenwurf und anderen Keuschheiten, und ich bezweifle, ob es sinnvoll, nötig, gerechtfertigt ist, Vollkommenes durch Dazutun egal welcher Art besser machen zu wollen. Die Archäologen, Kunsthistoriker, Restaurateure, die in allen Museen der Welt die Entscheidungen treffen, sind ihrer Meinung nur selten sicher, gerade deshalb glauben sie, beweisen zu müssen, wie unentbehrlich sie sind. Ihr angelerntes Wissen dient ihnen nicht viel, sehr selten nur fördert es die Liebe zu jenen lebendigen Wesen, die wir, ein wenig gedankenlos, Bildwerke, Statuen, Büsten, Fragmente nennen, in Stein gemeißelte Leblosigkeit, obwohl sie seit Jahrtausenden doch leben, atmen und uns erwärmen, wie dieses Antlitz des Antinous im kleinen Museum von Olympia.
Ich kann bis heute niemanden recht überzeugen von seiner Vollkommenheit, weil mir alle gleich ins Wort fallen und meinen, daß er kaum hierher gehöre, daß er ein nicht besonders gut erhaltenes Werk des Niederganges nicht etwa der hellenistischen, sondern bloß der römischen Verfallszeit wäre, und daß, abgesehen von Epochen- und Stilüberlegungen, der Antinous von Delphi, der in den Uffizien, oder der im Prado, künstlerisch vollendeter, somit auch bedeutender seien; - nach einer Werteskala, die ich nicht mitvollziehen will.
So übersehen diese Experten zum Beispiel, daß die anderen uns erhaltenen Büsten des Antinous einen Jüngling von achtzehn oder neunzehn Jahren zeigen, den verweichlicht-verhärteten Imperatoren-Günstling vor seinem tragischem Ertrinken im Nil, somit einen Fast-Erwachsenen, wohingegen mein Antinous - Hadrianus möge mir verzeihen - einen vielleicht kaum fünfzehnjährigen Knaben darstellt, unfertig, ganz Frage noch und Antwort zugleich, eine vollkommen schöne Einheit aus Anmut und Zerbrechlichkeit, ein Symbol dafür, was die Antike durch mehr als zwei Jahrtausende nicht nur am Leben erhielt, sondern was sie uns und allen Epochen voraus hatte und immer haben wird. Ich werde ungeduldig, wenn kluge Professoren uns die sogenannten Höhepunkte griechischer oder hellenistischer Bildhauerei vor Augen führen, weil die meisten dieser gewaltigen, oft überlebensgroßen Zeus- und Apollo- und Hermes- und anderer Götter- und Halbgötterfiguren, wie meisterhaft sie auch geformt sein mögen, im Betrachter nur sehr wenig Gefühl erwecken, und schon gar nicht - wie so viele der Ephebenfragmente, der kouroi - den scheuen Wunsch aufkommen lassen, so ein Marmorgesicht zu berühren, zu streicheln, ihm übers Haar zu fahren, eine Marmorhand zu wärmen mit der eigenen Hand.
Den Antinous im Museum von Olympia möchte ich anfassen, was mir, die Bildhauerkunst betreffend, ein recht gültiges Kriterium für die Qualität eines Werkes erscheint. Also: Zeitlos tröstende Wärme, Menschlichkeit vor allem in Zeiten der Dekadenz, des Untergehens von Kulturen, wie ja Sterbende auch, gerade weil es mit ihnen zu Ende geht, oft wacher, weicher, manchmal ganz zuletzt erst zu Menschen werden. Wo sogenannte Höhepunkte und Gipfelperioden zweifellos geballte Kraft vermitteln, nahezu das Gegenteil einer - äußerlich meist kraftlosen - conditio humana, verfügen die Zeiten des Niederganges, alle Sterbestunden über den Glanz der Schwäche, ihr niemals grelles und daher stets wärmendes Licht, unter dem allein der unentbehrliche Trost angesiedelt sein kann, dessen wir bedürfen. Das hat nichts mit fin-de-siècle-Gestimmtheit zu tun, und nichts mit atmosphärischen Impressionen.
So verliebte ich mich in meinen Antinous gleich bei der ersten Begegnung, als ich ihm - damals noch im Alten Museum von Olympia - während eines touristischen Blitzbesuches plötzlich gegenüber stand. Ich habe ihn dann Jahr auf Jahr aufgesucht, die Fahrt nach Griechenland wurde zu einer Reise der Liebe, die ich nicht missen wollte. Die Treue, die ich Antinous erwies, war eine kaum gestattete Treue, und wirklich, bei einer erneuten Ankunft im eigentlich recht ärmlichen Alten Museumsgebäude fand ich den Knaben nicht länger vor. Er werde, so hieß es, in den neuen, größeren Museumsbau gebracht werden, der freilich noch nicht eingerichtet war. Mich beunruhigte diese erzwungene Übersiedlung meines Epheben, die keiner Notwendigkeit entsprach, sondern nur der Sucht an Veränderungen, an der wir uns weltweit gegenwärtig zu Tode schinden: bauend, erneuernd, vermeintlich errichtend, nur zu häufig zerstörend. Eine Beleidigung des Geliebten Hadrians erschien es mir, ihn mit einzubeziehen in unsere Unruhe.
Der Transfer wurde zur langen Geduldsprobe. Man räumte, es geschah in den Siebziger Jahren des nun vergangenen - wie unglaubwürdig es klingt! - Jahrhunderts, das Alte Museum zwar gründlich aus, aber richtete dann das Neue Museum eine scheinbare Ewigkeit lang nicht vollständig ein; so viel Herrliches schien wie auf immer verschwunden. Drei- oder viermal mußte ich vergebens zurückkehren nach Olympia, getrieben von der Sehnsucht des Liebenden, und mein Knabe blieb unsichtbar. (Erst fünf Jahre später wurde eine neue Halle eröffnet, der ‚römischen Niedergangskunst‘ zugedacht, erst dann gab man den vollkommenen Antinous seinen Schlechtmachern und Kritikern zurück - gipsgekleidet, verkitscht; ich habe es damals genügend beklagt.)
Entscheidend wurde mir freilich ein Ereignis, das sich in der langen Zeit der Abwesenheit meines Antinous zutrug, als ich plötzlich nicht länger auf ein Wiedersehen warten zu können vermeint hatte. Ich stand zögernd im Neuen Museum, das teilweise ja längst eröffnet war, hatte genug von Helmen und Vasen und Waffen, genug von meinem Vor-verschlossenen-Türen-Stehen. Ich fühlte ja unter demselben Dach - verborgen und dennoch ganz nah - die Gegenwart des Knaben. So bot ich einem Museumswächter, einem alten Mann mit tiefen Gesichtsfalten, der mich anfangs nicht zu verstehen schien, ein stattliches Trinkgeld, wenn er mich nur zu Antinous bringen wollte. Er zögerte, vergewisserte sich, daß uns keiner seiner Kollegen bemerkte, und führte mich dann, einen Arm um mich legend, tatsächlich zu Antinous, der sich ein paar Schritte von der Besuchermenge entfernt in einem Arbeitsraum voller Staub und Marmorresten befand. Da stand es, das vollendete Antlitz, aber nicht einsam und herrlich wie früher, sondern auf jenem lächerlichen Körper aus Gips, den man ihm verpaßt hatte, und den ich nun erstmals zu sehen bekam. Mich verwirrte der Anblick, er stört mich noch immer, aber er konnte der Freude des Wiedersehens nichts anhaben, weil Liebe von Gesicht zu Gesicht vibriert, und weil sie auf Körper, wenn es sein muß, verzichten kann.
Mein Komplize, der alte Wächter, mißverstand den Anlaß meines Besuches. Der einfache Mann übersetzte meine Leidenschaft für Antinous ins Allein-Körperliche, er wollte mich, den jungen Erwachsenen, plötzlich umfassen und küssen, indem er mich stammelnd ‚seinen‘ Antinous nannte. Da wußte ich erst, wie lebendig mein Knabe war! Aber der Alte ahnte nichts von der tödlichen Distanz der großen Liebenden, die nicht Bauernsache ist. Ich hatte den Augenblick dieses Wiedersehens allzu ungeduldig ersehnt, um mich von dem Alten stören zu lassen. Ich schob seinen Arm von meiner Hüfte fort, fast stieß ich ihn zurück, näherte mich Antinous und küßte zärtlich - aber wie grausam für die Augen des Zeugen! - die steinerne Stirn des Knaben.
Nach diesem reinen Kuß schien der zerfurchte Wächter tausendfach älter geworden zu sein, unmenschlich alt, meines Mitleidens wert. Ich verstand sein Mißverstehen und bedauerte ihn; bevor wir in die touristenüberfüllte Halle zurückkehrten, steckte ich ihm einen weiteren Geldschein zu, der freilich nichts gutmachen konnte, und so küßte ich ihn auf beide Wangen, wobei er zu zittern begann. Ich empfand keinen Widerwillen, keinen Ekel dabei. Schon wußte ich selber ein wenig um den Fluch des Älterwerdens. Es war, als ob das Zittern des Alten den Abstand zwischen Antinous und ihm verringerte, als ob es die zwei maßlos Entfernten einander so nahe brachte, daß ich, in die Enge getrieben, zwischen den zeitlos-südlich Verwandten kaum Atemraum fand.
Der rechtlose Eindringling, der wurzellos Nicht-Begreifende war ich. Ich wußte darum. Wenn ich seither nach Griechenland reise, gelten meine Fahrten anderen Zielen. Ich bin seit langem nicht zu dem schönen Knaben zurückgekehrt und lebe mit meiner beschädigten Sehnsucht abseits, allein.
Erich Wolfgang Skwara, 1948 in Salzburg geboren, lebt in San Diego, USA, in Paris und Florenz, lehrt an der Universität von San Diego Kultur- und Literaturwissenschaft. Er schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane und
Essays, ist Übersetzer u.a. von Rousseau, Flaubert, Thomas Wolfe und Tennessee Williams.
2002 wurde er mit dem Hermann-Lenz-Preis ausgezeichnet.









